Montag, 21. August 2017

Veränderungen

Dies ist das Jahr des Ausgehens. So oft bin ich ewig nicht mehr tanzen gegangen, zu Konzerten, in Ausstellungen, zu Lesungen. Vor allem Musik entdecke ich ganz neu für mich. Ich habe ja keine Ahnung davon, kenne selbst sehr populäre Bands nicht, merke mir nie die Namen der Bassisten oder Drummer, geschweige denn Songtitel oder gar –texte. Woran das liegt, weiß ich nicht. Vielleicht an der Brutalität, mit der mein großer Bruder mir als Kind verbat, die Musik zu hören, die ich mochte. Oder an der Geringschätzung, mit der mein Vater von „Unterhaltungsmusik“ sprach. Was mich allerdings keineswegs dazu brachte, mich in klassischer Musik besser zurechtzufinden. Und auch nicht dazu, irgendwann zu rebellieren und Punkrockerin zu werden.

Letzteres bedauere ich heute manchmal. Ich wäre lieber eine Rebellin geworden statt das verängstigte Wesen, zu dem ich in meiner Pubertät mutierte und das mich viele, viele Jahre nicht mehr losließ. Während meines Studiums machte ich ein Praktikum in einem Kulturzentrum, half bei der Veranstaltungsorganisation von Partys und Konzerten. Das hätte großartig sein können, wenn ich nicht so verschüchtert gewesen wäre, dass ich kaum wagte, den Mund aufzumachen. Wer weiß, wohin mein Weg mich geführt hätte, wenn ich damals mehr Mut besessen hätte. Denn der Spaß an Musik, an Konzerten, an diesem rauschhaften Eintauchen in Rhythmen und Klänge, der war immer da.

Nun habe ich das alles nach Jahren des Winterschlafs wiederentdeckt. Und ich merke, dass sich mir dabei neue Türen öffnen. Ich begegne Menschen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Ich treffe auf einen Mann und erlebe einen magischen Abend voller Energie, funkelnder Augen und ausgelassenem Lachen. Es ist diese Art von Aufeinandertreffen, auf der unzählige Hollywoodfilme fußen, weil so viele Zufälle eine Rolle spielen, die am Ende gar nicht anders können, als sich zu einem gigantischen Happy End zu vereinen. Nur dass ich zum Glück vorgewarnt wurde und weiß, dass ich in dieser Geschichte nur die Närrin bin, nicht die Liebende, die am Ende in die Arme ihres Angebeteten sinkt. Der hat nämlich längst eine andere geheiratet, vor wenigen Monaten erst. Und die Gute scheint zu spüren, dass zwischen ihm und mir etwas in Schwingung gerät, das nicht sein darf, denn sie wacht im Verlauf des Abends mit zunehmender Eifersucht über unser Gelächter und das Wühlen in der gemeinsamen Vergangenheit, die wir haben, ohne dass ich das bislang geahnt hätte.

Er ist mit meinem Bruder zur Schule gegangen, aber dieser eine Name war mir überhaupt nicht mehr präsent (und das Gesicht gleich gar nicht). Umso erstaunter bin ich, was er alles weiß – über meine Familie, vor allem aber auch über mich. Als habe er mich still beobachtet in all den Jahren. Das hat er natürlich nicht, aber für einen Moment fühlt es sich so an, wünsche ich es mir vielleicht einfach. Und natürlich kennt er auch meinen Ex, die Welt ist ein Kuhdorf, ich muss es fragen, weil ich es von Anfang an ahne, die beiden haben viele Gemeinsamkeiten, ja, wenn ich mir die liebe Gattin ansehe, haben sie sogar denselben Frauengeschmack.

Frauen sind das, die so gar nichts mit mir gemein haben, weder äußerlich noch in ihrem Lebensstil und vermutlich auch nicht in der Art, wie sie ihre Männer lieben. Ich passe da nicht hin, gehöre da nicht hin, und das nicht nur, weil ich mich am Lachen eines frisch verheirateten Mannes berausche. Das ist nicht meine Welt, ich habe nicht gelernt, mich darin zurechtzufinden, fühle mich auch heute noch zu bieder, zu langweilig, zu unwissend zwischen diesen Menschen.

Und gleichzeitig bin ich fasziniert von ihnen, denke, dass sie viel spannender sind als all die Leute, mit denen ich sonst so zu tun habe. Und mit beinah fünfzig Jahren wünsche ich mir, endlich auch mal so cool sein zu können, endlich doch mal die Punkrockerin rauszulassen. Aber ob das hilft und mich glücklicher macht? Jedenfalls habe ich vergangene Nacht in den wenigen Stunden, die ich überhaupt schlafen konnte, von diesem Mann geträumt. Ich weiß, ich werde ihn nie kriegen können. Aber es ist gut, zu spüren, dass ich es noch kann: mich Hals über Kopf verlieben.

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Freitag, 5. Mai 2017

Wendemarken

Kürzlich stellte ich fest, dass jedes Lebensjahrzehnt für mich mit großen Veränderungen begann, die zukunftsweisend für viele Jahre waren.

In dem Jahr, als ich 10 wurde, fuhr ich mit der Schule auf eine Nordseeinsel. Ich wurde krank vor Heimweh und war dankbar, als ich vorzeitig heimreisen durfte. Das Heimwehproblem begleitete mich ewig, manchmal habe ich sogar heute noch so einen Anflug davon, wenn ich irgendwo bin, wo ich mich nicht wohlfühle. Viele Jahre später kehrte ich auf diese Insel zurück, der Pferde wegen, die ich dort schon als Kind gesehen hatte. Sie standen in der Nachbarschaft unseres Schullandheims, und ich träumte davon, einmal auf einem von ihnen zu sitzen. Als ich erwachsen war, erfüllte sich dieser Traum und ich versöhnte mich mit der Insel und meinen Heimwehgefühlen. Kurzzeitig überlegte ich sogar ernsthaft, mich dauerhaft auf dem Inselchen niederzulassen.

Als ich 20 wurde, wechselte ich nach einer schweren Lebenskrise die Schule. Neustart kurz vorm Abitur. Noch nie war ich so alleine gewesen, obwohl ich ein paar Jahre zuvor bereits einen Umzug mit Schulwechsel hinter mir hatte. Nahezu jede Pause verbrachte ich alleine und auch sonst war ich eine Außenseiterin. In dieser Zeit lernte ich, mich auf mich selbst zu verlassen und mich nicht abhängig von besten Freundinnen oder von Leuten zu machen, die scheinbar das Sagen haben.

Am dramatischsten waren die Einschnitte, als ich 30 wurde. In dem Jahr erhielt ich meinen ersten festen Arbeitsvertrag nach dem Studium, meine kleine Schwester heiratete, mein Hund starb, mein erster Neffe wurde geboren und im Körper meiner Mutter begann der Krebs zu wüten. Abschied und Neubeginn lagen nah beieinander, und das setzte sich über viele Jahre so fort. Dieses Jahr markiert für mich den stärksten Wendepunkt, ich denke bis heute, dass ich da erwachsen wurde.

In dem Jahr, in dem ich 40 wurde, kündigte ich meinen Job und gab, ohne dass mir das in dem Moment bewusst gewesen wäre, alle Sicherheiten auf. Es folgten Jahre der Neuorientierung, des Ausprobierens und Scheiterns. Meine finanzielle Situation war oft dramatisch, aber irgendwie hangelte ich mich vorwärts und schaffte es, mich aus jeder Krise zu befreien - und zwar nicht nur aus den beruflichen, sondern auch aus den privaten, die mit diesen oft Hand in Hand gingen.

In diesem Jahr steht wieder ein runder Geburtstag an und ich frage mich seit Monaten, mit welchen Veränderungen er einhergehen wird. Die erste hat nun stattgefunden. Nach sechs Jahren On-Off-Affäre voller Leidenschaft, aber auch voller Drama haben der Mann und ich uns in den vergangenen Tagen so sehr zerstritten, dass es aus meiner Sicht kein Zurück mehr geben kann. Zwei große Trennungen haben wir hinter uns, die erste war böse, die zweite elegant, die dritte fand nun statt, obwohl wir uns noch gar nicht wieder richtig zusammengetan hatten. Aber ein paar unbedachte Worte seinerseits lösten in mir eine ganze Lawine an schlechten Empfindungen aus, und mir wurde auf einmal klar, dass ich mich nicht länger demütigen lassen möchte von einem Mann, der mich immer häufiger als Spielzeug benutzt und sich einen Dreck um meine Gefühle schert. Nun pflege ich mein Herz, schaue aber recht optimistisch in die Zukunft und denke ernsthaft darüber nach, mein Schlafzimmer zu renovieren und mir ein neues Bett zu kaufen. Die Renovierung steht eh an und das neue Bett wäre ein schöner symbolischer Akt.

Und ich denke über das nach, was die Zukunft noch bringt. Seit ich vor einigen Monaten auf erschütternd realistische Weise von meinem eigenen Tod träumte, lässt mich das Gefühl der Endlichkeit nicht mehr los. Immer häufiger wird mir die Fragilität meines eigenen Körpers bewusst und ich male mir aus, wie es sein wird, wenn der Schalter dereinst umgelegt wird. Das ist kein Gedanke, der mir angst macht. Beängstigend finde ich eher die Vorstellung, dass einer meiner Lieben gehen wird. Ich habe bereits schreckliche Verluste in meinem Leben erlitten, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein geliebter Mensch einfach nicht mehr da ist. Sorgenvoll schaue ich meinen Bruder an, der sich zwischen unglücklicher Ehe und Job zerreibt, und frage, wie lange er noch durchhält, ohne einen Herzinfarkt zu bekommen. Schließlich sind wir jetzt alle in dem Alter, in dem so was schnell mal vorkommt. Meine Schwester hat immer mal wieder kleine und größere Gebrechen, möglicherweise Vorzeichen für etwas Ernsteres, vielleicht aber auch „nur“ psychosomatisch. Kürzlich erschreckte sie mich damit, dass sie sagte: „Ich glaube, ich habe eine Krise.“ Ich entgegnete: „Krise? Du? Das ist doch normalerweise mein Metier.“ Fakt ist: Ich bin die Dramaqueen in der Familie, während meine Schwester immer die Zähne zusammenbiss und sehr gerade ihren Weg ging. Aber alles ist im Wandel begriffen. Und dann sind da noch die vielen Kinder, die ich liebe wie meine eigenen, und die allmählich hinaus in die Welt ziehen. Sie sind alle gesund und glücklich und ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sich das irgendwann ändern könnte, dass einer von ihnen vielleicht unterwegs aus der Kurve geworfen wird, brutal und viel zu früh, wovon auch immer. Umso bewusster erlebe ich unser Miteinander, bin dankbar für jeden gemeinsamen, glücklichen Moment.

Ich sehe der nächsten Zeit mit sehr gemischten Gefühlen entgegen, schwanke zwischen Angst und Zuversicht, Neugier auf das neue Jahrzehnt, aber auch der Sorge, was es alles bringen wird - an Schönem wie an Schrecklichem. Nur eins ist gewiss: Es wird Veränderungen geben.

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Freitag, 30. Dezember 2016

Das verlustreiche Jahr

Es ist seltsam, dass wir uns alle irgendwie einig sind, dass 2016 als Jahr des Verlusts in die Geschichte eingehen wird. Jedenfalls las ich das bereits auch in anderen persönlichen Jahresrückblicken. Nicht nur, dass gefühlt jede Woche ein Prominenter starb, der mir etwas bedeutet hat und mich zum Teil seit meiner Kindheit begleitete. Auch persönlich habe ich in diesem Jahr einiges und einige verloren. Dabei gab es bereits viel schlimmere Jahre - zum Beispiel 2000 und 2001, als meine Eltern starben. Aber dies ist ja kein Wettbewerb der schlechtesten aller Jahre, sondern mein aktueller, subjektiver Eindruck.

Und ich finde: 2016 war das Jahr der Verluste, aber es war kein rundum schlechtes Jahr. Es fing sogar richtig gut an, mit einem wunderbaren Urlaub in der Sonne, mit Lachen und Glück und Leichtigkeit. Anderthalb Jahre hatte ich mein Geld beinah spielerisch verdient, es fiel mir so nebenbei in den Schoß, während ich ein Buch nach dem nächsten veröffentlichte - und gut verkaufte. Mein Lebenstraum, als Schriftstellerin zu arbeiten, war Wirklichkeit geworden und entsprechend gut fühlte ich mich.

Doch mir kam die Leichtigkeit zunehmend abhanden. Auf einmal wurde das Schreiben zur Arbeit, mehr noch: zur Pflicht. Ich setzte mich selbst unter Druck - mit dem Ergebnis, dass irgendwann gar nichts mehr ging. Dazu kamen der verschärfte Konkurrenzdruck und schlechtere Konditionen beim Verkaufen über die Onlineshops. Ein Herzensprojekt, in das ich viel Geld steckte, floppte finanziell total, obwohl das Buch überragende Bewertungen erhielt. Frust und Verzweiflung wuchsen, während das Geld auf meinem Konto schrumpfte. Zwischendrin war ich das heulende Elend, weil mein Lebenstraum nach so kurzer Zeit bereits wieder zerstört schien.

Und als ich mich gerade besonders mies fühlte, erreichte mich eine scheußliche Nachricht. Mein Exfreund hatte sich das Leben genommen. Wir hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr, ich erfuhr aus den sozialen Netzwerken davon, er hat seinen Tod öffentlich inszeniert. Offiziell hieß es, er habe an Depressionen gelitten. Doch die wenigen, die ihn genauer kannten, vermochten aus seinem Abschiedsbrief etwas ganz anderes herauszulesen. Auch ich weiß nicht, was ihn am Ende zu diesem Schritt trieb - wir hatten, wie gesagt, schon länger keinen Kontakt mehr. Aber eins weiß ich genau: Der Mann war sicher verzweifelt, Depressionen hatte er allerdings nicht.

Auf einmal war ich wieder mittendrin in einer Geschichte voller Lügen und (Selbst-)Täuschungen, mit denen ich doch schon lange nichts mehr zu tun haben wollte. Ich habe noch einmal geliebt, gehasst, getrauert - und am Ende in warmer Versöhnung losgelassen. Darüber bin ich froh. Aber der Weg dahin war schmerzhaft und einsam. Ich war in dieser Zeit sehr empfindsam, voller Sehnsucht nach Liebe und Zuwendung, nach jeglicher Form emotionaler Unterstützung. Einige enge Freunde waren da und fingen mich auf. Andere waren zu sehr mit ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigt und nicht in der Lage, mir beizustehen. Ich trennte mich von einem Mann und zerstritt mich mit einer meiner engsten Freundinnen (inzwischen sind wir wieder versöhnt, aber ein feiner, kleiner Riss wird bleiben).

Überhaupt Freundinnen: Zwei von ihnen trennten sich in diesem Jahr von mir. Die eine hüllte sich einfach in Schweigen und reagierte nicht mehr auf meine Mails. Ich weiß bis heute nicht, warum. Wir kennen uns ein Leben lang, hatten immer wieder Zeiten großer Nähe und großer (auch räumlicher) Distanz. Jetzt scheint etwas zerbrochen zu sein, das sich nicht mehr kitten lässt. Ich wünschte, ich wüsste, was geschehen ist, damit ich darauf reagieren könnte. Aber ich bin zu müde, wieder und wieder nachzubohren. Die andere Freundin postete in ihrem Blog eine Generalabrechnung über unsere Freundschaft. Ich sei egozentrisch und nähme mir nicht genug Zeit für sie, lautete der Hauptvorwurf. Abgesehen davon, dass ich ihr Verhalten unfassbar schäbig und feige finde, könnte ich den Spieß locker umdrehen. Nahezu alles, was sie mir vorwarf, ließe sich aus meiner Sicht ins Gegenteil kehren. Aber, ach, das ist alles der Mühe nicht wert. Sollen sich die Leute in ihrem eigenen Sumpf wälzen, solange es ihnen Vergnügen bereitet. Meine Baustellen sind das nicht mehr.

Nun schaue ich nach vorne, und zwar - ich staune selbst - voller Optimismus. Eigentlich gibt es keinen Anlass dafür. Ich habe Menschen verloren, bin beruflich (wieder mal) gescheitert, habe ein wehes Herz und schaue mir obendrein voller Sorgen die völlig aus den Fugen geratene Gesellschaft und Politik an. Und doch regt sich in mir etwas, das ich bislang nicht kannte. Ein feiner, merklich wachsender Trotz: Jetzt erst recht! Ihr könnt mich alle mal, ihr Egozentriker und Angeber, ihr Schönwetterfreunde und Feiglinge, ihr Rassisten und Hetzer, ihr Schwachköpfe und Mitläufer. Und auch du, lieber Tod, kannst mich mal. Statistisch gesehen habe ich den größten Teil meines Lebens hinter mir, und ich finde, so schlecht ist das alles gar nicht gelaufen (ja, ich weiß, das klingt nicht immer so - aber die Gesamtbilanz ist durchaus positiv). Also, mir machst du keine Angst, indem du immer näher rückst.

Ja, und auch sonst ist alles gut. Ich bin in den vergangenen Jahren so oft auf die Nase gefallen und wieder aufgestanden, dass ich mir sage: Irgendwie wird es auch diesmal klappen. Vielleicht nicht mit dem Verkauf von Büchern. Dann kommt eben was anderes. Genau wie auch sonst im Leben. Es gibt nur zwei Dinge, die mir im Moment wichtig sind: meinem Herzen zu folgen und Liebe (zu mir selbst, zu anderen, aber auch zu meiner Arbeit). Selbstzweifel, Angst, Ärger oder gar Hass führen zu gar nichts. Es mag eigenartig klingen, aber ausgerechnet all diese Konflikte, die Verluste und dieses (scheinbare) Scheitern haben mich weitergebracht und mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen und mehr bei mir zu sein. So gesehen war 2016 sogar ein richtig gutes Jahr.

In diesem Sinne: Kommen Sie gut ins neue Jahr und machen Sie es sich schön!

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Dienstag, 29. November 2016

Willst du gelten ...

... mach Dich selten, pflegte schon meine Mutter zu sagen. Mir fiel es in der Regel schwer, diesen Rat zu befolgen, jedenfalls, wenn es um Männer ging. Wenn ich das Gefühl hatte, dass mir einer abhandenkam, klammerte ich mich an ihn - und verlor ihn dadurch natürlich erst recht.

Jetzt ist aber alles irgendwie anders und ich staune, sowohl über mich selbst als auch über den Mann. Zwei Monate ist es her, dass ich ihn freundlich, aber bestimmt fortschickte. Die Vereinbarung lautete, dass ich mich melden würde, wenn ich gern wieder Kontakt hätte - egal ob in vier Wochen, vier Monaten oder vier Jahren.

Nun, was soll ich sagen? Mein hartnäckiges Schweigen scheint ihn zu beunruhigen. Die erste Kontaktaufnahme fand an meinem Geburtstag statt, da hatte er einen schönen Vorwand, um mir zu schreiben. Ich reagierte erfreut, was ihn dazu ermutigte, mich umgehend anzurufen und dann, als er mich nicht erreichte, noch eine Mail nachzuliefern. Ich staunte nicht schlecht, meldete mich aber nicht mehr. Schließlich wollte ich ja eigentlich meine Ruhe haben.

Seitdem streckt er seine Fühler immer wieder nach mir aus. Da eine kleine Mail, dort ein Anruf (der mich wieder nicht erreichte). Fehlt eigentlich bloß noch, dass er »rein zufällig« in meiner Straße auf und ab spaziert.

Ich gestehe: Damit habe ich nicht gerechnet, und als die Geburtstagsmail kam, freute ich mich sehr. Ach, dachte ich, er hängt doch an mir, das ist schön. Doch allmählich schwanke ich zwischen Freude und Ärger. Er nimmt meine Bedürfnisse gar nicht ernst, respektiert meinen Wunsch nach Ruhe überhaupt nicht. Ich nehme an, der Jagdtrieb geht mit ihm durch. Dass er mich als Mensch vermisst, bezweifle ich jedenfalls. Da müssten seine Mails schon etwas weniger begehrlich klingen.

Und nun? Ich gestehe, ich weiß es nicht. Erst mal lasse ich ihn weiter zappeln. Und staune, dass ich das so gut hinbekomme. Aber ich habe zum Glück zurzeit so viel Arbeit, dass ich kaum zum Nachdenken komme. Da haben sinnliche Gedanken wenig Platz. Und Herzensdinge gleich gar nicht.

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Sonntag, 16. Oktober 2016

Stalker

Vor vielen Jahren saß ich mal in einem Zug neben einem Mann, der wie ich die lange Strecke von Basel nach Hamburg zurücklegte. Wir hatten viel Zeit, kamen ins Gespräch. Ich war sehr erfüllt von meiner Reise, die ich zu Recherchezwecken für meine Magisterarbeit unternommen hatte. Darin beschäftigte ich mich mit einem Schweizer Maler und hatte deshalb u. a. intensiven Kontakt zum Vorsitzenden einer Stiftung gehabt, die den Nachlass des Malers verwaltete.
Das alles erzählte ich dem Mann im Zug. Er selbst arbeitete bei irgendeiner Behörde, hatte eine Frau und Kinder. Er war erheblich älter als ich, und ich fand ihn zwar ganz unterhaltsam als Sitznachbarn, hatte aber ansonsten null Interesse an ihm. Als er mich in den Speisewagen auf ein Glas Wein einlud, folgte ich ihm nur aus Langeweile. In Hamburg verabschiedeten wir uns höflich voneinander.
Ein paar Wochen später erhielt ich auf einmal einen Anruf. Am anderen Ende der Leitung war der Mann aus dem Zug. Ich war schockiert, denn ich hatte ihm weder meinen Namen noch meine Telefonnummer gegeben. Er hatte anhand der Details, die ich ihm über meine Reise und den Maler genannt hatte, recherchiert (und das alles zu Zeiten vor dem Internet!), dabei sogar Kontakt zu besagter Stiftung aufgenommen, nur, um mich aufzuspüren. Was er wollte, war schnell klar, ohne dass er es deutlich in Worte fassen musste. Ich war wütend ob seiner Zudringlichkeit und verstört angesichts der Dreistigkeit, mit der er mir hinterhergejagt war. Er war geradezu stolz auf die detektivische Leistung, die er vollbracht hatte. Ich hingegen war entsetzt und beendete das Telefonat sehr schnell.

Vor einiger Zeit hatte ich mal in einer Singlebörse regen Mailkontakt zu einem Mann. Er wirkte sehr interessant, schrieb klug und feinsinnig und ich vertraute ihm so sehr, dass ich ihm nicht nur recht intime Details über mein Liebesleben erzählte. Ich schickte ihm auf sein Drängen hin auch ein PDF mit einem Textauszug aus einem meiner Romane. In meiner Dämlichkeit vergaß ich jedoch, dass in den Metadaten des PDF mein voller Name stand. Der Mann machte mich immerhin darauf aufmerksam, dass er sich nun erst mal in aller Ruhe meine Website mit sämtlichen beruflichen Informationen über mich angeschaut habe. Mir wurde heiß und kalt, denn dort steht auch meine vollständige Adresse. Aber ich sagte mir, ach, halb so schlimm, das ist ein Netter, der darf das alles wissen.
Bald darauf traf ich den Mann auf einen Kaffee. Und ich entdeckte voller Entsetzen, dass er keineswegs ein Netter war. Vielmehr hatte er ein massives Suchtproblem und war zudem hochgradig aggressiv. Wir saßen an einem Tisch am Fenster und alle Frauen, die draußen vorbeigingen, bedachte er mit so abfälligen Bemerkungen, dass ich am liebsten sofort aufgestanden und gegangen wäre. Ich blieb, aber es war klar, dass ich diesen Mann nicht mal als guten Freund haben wollte. Und mir wurde erneut heiß und kalt, als ich daran dachte, was er inzwischen alles über mich wusste.
Er reagierte sehr beleidigt auf meine Absage und demütigte mich in seiner Abschiedsmail auf widerwärtige Weise. Das unterstrich mein unwohles Gefühl noch, aber er ließ mich zum Glück anschließend in Ruhe. Doch mein Interesse an Singlebörsen war für sehr lange Zeit gestillt.

Nun habe ich es doch wieder gewagt, hauptsächlich, um meinen Herzschmerz zu verdrängen. Der erste Mann geriet mit mir in Streit, weil ich kein öffentlich sichtbares Profilbild eingestellt hatte. Er fand das feige. Der zweite tauchte kommentarlos ab, nachdem ich ihm ein Foto per Mail geschickt hatte. Der dritte mokierte sich ewig über meine kurzen Haare und erklärte, er fände lange Haare viel hübscher. Ich wollte ihn schon in die Wüste schicken, dachte aber: Nun sei mal nicht so mäkelig wie all diese Kerle hier, sonst wird das nie was.
Also tauschte ich mich noch ein wenig mehr mit dem Mann aus. Als er mich fragte, warum ich mein Pseudonym als Gruß verwendete, erklärte ich, dass es mir wichtig sei, meine Privatsphäre zu wahren. Er schickte mir daraufhin einen Link zu seiner beruflichen Website. Ich war sehr überrascht, wussten wir doch praktisch noch nichts voneinander, wir hatten bis dahin gerade mal eine Handvoll oberflächlicher Mails getauscht.
Aber ich honorierte seinen Vertrauensvorschuss, indem ich unter die nächste Nachricht meinen richtigen Vornamen setzte. Und auf seine Frage hin erwähnte ich, welche Art Bücher ich schreibe.
Und dann passierte es wieder. Als ich das nächste Mal in mein Postfach sah, fand ich endlos lange Nachrichten dieses Mannes vor, in denen er lang und breit erklärte, wie hübsch er mich mit langen Haaren fände, wie interessant meine Bücher aussähen und dass er für ein erstes Date wohl zur Buchmesse kommen müsse, da ich ja nächste Woche viel beschäftigt sei.

Er verpackte das alles freundlich und nett in kleine Geschichten aus seinem eigenen Alltag. Aber diese charmanten Geschichten kamen bei mir gar nicht mehr an. Das Einzige, was ich wahrnahm: Dieser Mann hatte sich anhand der wenigen Daten, die er von mir hatte, wie ein Detektiv auf die Suche nach mir gemacht. Er hatte sich alles angeschaut, was es über mich im Netz zu finden gibt (und das ist viel!). Er hatte sich ungefragt in mein Leben gedrängt, mich ausspioniert und mich noch vor einem ersten Treffen nackt ausgezogen.

Ich begreife es nicht. Glauben Männer wirklich, dass wir Frauen so was mögen? Ich empfinde das als große Respektlosigkeit und bin mir sicher, dass sich so ein Mann auch in einem freundschaftlichen oder partnerschaftlichen Miteinander über Grenzen hinwegsetzen würde. Diese Art der Zudringlichkeit ist mir völlig fremd. Mehr noch: Sie stößt mich ab. Mein Bedarf an Abenteuern in Onlinebörsen ist jedenfalls fürs Erste wieder mal gestillt.

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