Ich bin heute einen sehr langen Weg gegangen, innerlich wie äußerlich. Ich habe die Sonne nicht wahrgenommen und auch die vielen, vielen Menschen um mich herum nicht. Ich habe den Durst ignoriert, und der Schmerz in meinen Füßen hat sich irgendwann im Zorn meines Herzens aufgelöst. Jetzt tun mir die Füße immer noch weh, ich habe Kopfschmerzen und fühle mich sehr, sehr erschöpft – und so leer wie die Halle eines Kreuzfahrtterminals, in der ich einen Moment lang verweilte, Besinnung hielt, mich ausgeschlossen und gleichzeitig erleichtert fühlte. Manchmal ist es gut, etwas oder jemanden zu verpassen, die Demütigungen nicht noch größer werden zu lassen, nicht alle schmutzigen Details der Wahrheit anschauen zu müssen.
Manchmal ist es aber auch gut, hinzuschauen, zu erkennen, dass ein Traum ausgeträumt ist, obwohl er sich im eigenen Herzen so tief eingegraben hat, dass er ein Teil von ihm geworden ist, zusammen mit dieser großen, alles erfüllenden Sehnsucht.
Es ist gut, wenn man sich klarmacht, dass man andere Menschen nicht ändern kann. Sie werden niemals so sein, wie man sich das wünscht, sondern immer Gefangene ihrer selbst, mit allen Fehlern und Schwächen. Meistens kann man diese Schwächen akzeptieren und sie vielleicht sogar als liebenswerte Marotten hinnehmen. Schließlich hat man selber auch eine Menge Fehler. Manchmal sind diese Schwächen aber selbst bei viel Liebe und Toleranz unverzeihlich, weil sie zerstören und vernichten, statt zu vereinen und versöhnen.
Es ist auch gut, sich klarzumachen, dass Vergebung und Versöhnung nicht identisch sind mit Vertrauen. Manchmal muss man feststellen, dass man zwar verzeihen und wohl auch lieben, aber nicht mehr vertrauen kann. Dass man alles und jedes hinterfragt, dass man ständig misstrauisch und auf der Hut ist.
Manchmal gibt es diese Momente, in denen man sein eigenes Leben glasklar vor sich sieht, alle eigenen Schwächen und Fehler, alle Irrwege und Abgründe, Sehnsüchte und unerfüllten Träume. Und man spürt, dass es Zeit ist, nach vorne zu schauen und nicht mehr länger im „was wäre, wenn“ zu verweilen, sondern Abschied zu nehmen, loszulassen, die eigenen Sehnsüchte leise zu beerdigen und dann still seinen Weg weiter zu gehen, trotz wunder Füße, trotz blutenden Herzens, trotz wundervoller Träume – und auch trotz aller Liebe.
Manchmal wacht man eben einfach auf.
Wohnzimmer -
feinstrick - 10. Mai, 21:23
Ich weiß jetzt, wie man Fliegengitter anbringt. Ich habe es in einer längeren Versuchsreihe herausgefunden, in der ich eine Packung Klebestreifen und Netz nach mehrfachem Anbringen und wieder Abreißen total verschlissen habe, eine zweite Packung beinah umgetauscht hätte und mich nun immer noch frage, warum ein schwarzes Netz vor dem Fenster weniger auffällig ist als ein weißes.
Ich mache mich demnächst selbstständig. Es gibt Leute, die trauen mir das überhaupt nicht zu. Das verunsichert und ärgert mich sehr, doch ich verstehe diese Leute auch, denn ich traue mir diesen Schritt ja selbst kaum zu und zeige das auch deutlich. Eigentlich bin ich doch eher das graue Mäuschen, das sich lieber in seiner gemütlichen Höhle verkriecht, statt hinaus in die fremde, bedrohliche Welt zu gehen. Aber ab sofort muss ich die Diva mimen, die gerne im Rampenlicht steht, auf dem roten Teppich auf und ab stolziert und sich von der ganzen Welt bewundern lässt. Das ist wahrhaftig alles andere als meine Lieblingsrolle. Wie ich es schaffen kann, sie überzeugend zu spielen, weiß ich noch nicht. Wie ich all meine Ängste und Unsicherheiten überwinden soll, weiß ich auch noch nicht. Wie ich es hinkriege, genug Geld zum Leben zu verdienen? Keine Ahnung.
Und doch fühlt sich dieser Schritt richtig an, spüre ich große Lust darauf, vorwärts zu gehen, meinen Talenten endlich mehr Raum zu geben, unabhängiger als bisher zu leben. Ich bin unendlich erleichtert, dass ich meinen alten Job los bin und fühle mich wie befreit bei der Vorstellung, jeder Art von neurotischem, narzisstischem, kurzsichtigem, arrogantem, ignorantem Chef fürs Erste aus dem Weg gehen zu können. Gut, ich muss auch in Zukunft mit solchen Menschen klarkommen, aber dann sind sie nicht mehr meine Chefs und ich kann ihnen mit einer deutlich entspannteren Haltung gegenüber treten.
Ich fliege mit großem Zittern und viel Bauchweh los. Der Start verläuft sehr, sehr langsam, weil ich noch nicht so recht glauben kann, dass mich meine Flügel tragen. Und die erste, große Bauchlandung scheint auch schon vorprogrammiert zu sein. Oh weh, oh weh.
„Echte Unternehmerinnen glauben an sich selbst“, schrieb mir neulich jemand. Stimmt. Und ich will ja eine echte Unternehmerin sein, will zumindest so tun, als sei ich eine Diva. Darum beiße ich die Zähne zusammen und gehe weiter – in Minischritten zwar, aber die Richtung ist klar. Und nur darauf kommt es an.
Dieser üppige Frühling, dieses Sprießen und Wachsen, Blühen, Verblühen, erneute Blühen, der leichte Wind, der die abgefallenen Blütenblätter durch die Luft wirbelt wie Schnee, was kitschiger als im kitschigsten Film aussieht und doch viel realer ist. Und dazu die Kinder, die in diesem Postkartenidyll unter weiß blühenden Kirschbäumen spielen und sich gegenseitig die Sandschaufeln auf den Kopf hauen, die Erwachsenen, die auf der Löwenzahnwiese direkt an der viel befahrenen Straße ihren Grill aufbauen, als könnten sie nicht noch zehn Meter weiter in den Park hinein gehen, dorthin, wo noch mehr Frühling ist und man nicht die Autoabgase sondern den betörenden Duft all der Bäume und Sträucher, Blumen und Gräser riechen kann, aber wer Barbecue macht, riecht eh nur noch den Grillanzünder und das Wurstfett. Die Fotografen holen ihre Kameras hervor und versuchen mit riesigen Objektiven dem Geheimnis des Frühlings auf die Spur zu kommen, Werden und Vergehen im Macro, die kleinste Zelle herangezoomt, durchleuchtet, festgehalten, gephotoshopt und dann stolz der Welt präsentiert: Seht her, das ist er, der Frühling, so sieht er aus.
Und auch ich gehe wie eine Schlafwandlerin durch diese Pracht, begreife dieses Wunder kaum, all diese Lebendigkeit, die Kraft, die Energie, die Pflanzen scheinen im Minutentakt zu wachsen und verlieren ihre Blütenblätter bereits wieder, bevor ich sie überhaupt richtig wahrgenommen habe. Die ganze Welt explodiert förmlich, wie so ein Wunderfeuerwerk, das mit aller Kraft ins Universum geschossen wird, einen Moment lang hell erstrahlt und dann leise verglüht. Ich wünschte, in meinem Kopf würde auch so ein Wunderfeuerwerk stattfinden, würde es auch blühen und gedeihen, explodieren und erleuchten. Doch da ist nur eine Wüste, in der sich stumm ein kleines Karussell dreht, Runde um Runde, und das weiße Pferd, auf dem die Prinzessin reitet, kommt immer wieder am Ausgangspunkt vorbei, bringt immer nur dieselben, wiederkehrenden Ideen mit, in einer geradezu nervenaufreibenden Monotonie und Fantasielosigkeit.
Es werde Frühling im Hirn! Und zwar subito!
Unterwegs -
feinstrick - 2. Mai, 09:37
Da ist jemand, der sehr gehemmt wirkt, unsicher, ängstlich, sich in seiner Haut nicht wohl zu fühlen scheint. Er ist Körpertherapeut, und alleine das finde ich schon überraschend. Wie kann jemand mit dem Körper arbeiten, der sich selbst so fremd zu sein scheint, so linkisch wirkt, den Eindruck erweckt, als wolle er sich am liebsten unsichtbar machen? Dummerweise ist er jedoch ein hochgewachsener, baumlanger Kerl von gut einem Meter dreiundneunzig, ein großer, schlanker Mann, den man nicht so leicht übersieht. Fast kann er einem Leid tun, weil er so schutzbedürftig wirkt, hilflos, verloren, mit der Angst fest im Nacken, vollkommen verunsichert durch die Menschen um ihn herum.
Und dann dies:
Eine Altbauwohnung irgendwo in Berlin, so bunt wie das Leben drum herum. Am auffälligsten: Es gibt fast keine Tische und Stühle in dieser Wohnung. Stattdessen viele Kissen und Matten auf dem Boden und freie Ecken, die zum Sitzen und Liegen einladen. Hier leben Menschen, deren Körper gut durchtrainiert und sehr beweglich zu sein scheinen. Und mittendrin in diesem ungewöhnlichen Ambiente steht der baumlange Kerl, der hier gar nicht mehr so verloren wirkt, sondern sich harmonisch einfügt in dieses bunte Bild.
Ich möchte mehr über seine Arbeit erfahren. Er hält sich jedoch nicht mit langen Reden auf, sondern will erst mal eine Session abhalten, wie er es nennt. Ich soll genau wissen, worum es geht, und zwar praktisch, nicht theoretisch.
Die Behandlung findet in einem schmalen Raum statt, der vom Rest der Wohnung nur durch einen Vorhang getrennt ist. Ich solle mich ausziehen und meine Kleider an einen Haken im Flur hängen, fordert mich S., der lange Kerl, auf.
„Was soll ich denn alles ausziehen?“ frage ich.
„Alles bis auf den Slip“, sagt S. „Es sei denn, du fühlst dich wohler, wenn du dich ganz ausziehst.“
Das irritiert mich. Wieso sollte ich mich wohler fühlen, wenn ich ganz nackt bin? Ich werde den Slip auf jeden Fall anbehalten, keine Frage. Am liebsten würde ich auch den BH anlassen. Dabei bin ich eigentlich gar nicht so prüde und habe keine Mühe, mich vor anderen Leuten zu entkleiden, in therapeutischem Zusammenhang gleich gar nicht. Und doch stocke ich diesmal. Ich habe S. nicht als Therapeuten kennen gelernt, und nun fällt es mir schwer, umzuschalten. Ein bisschen ist das so, als würde ich mich vor einem langjährigen Freund ausziehen, da ist man auch seltsam gehemmt. Dabei kenne ich den S. doch noch gar nicht so lange. Und ein guter Freund ist er gleich gar nicht.
Doch mir bleibt nicht viel Zeit, meinen Irritationen nachzuforschen. Die Behandlung beginnt und meine erste Befangenheit verfliegt rasch. Ich liege nur im Slip bekleidet auf dem Massagetisch – und friere erbärmlich. Ich wünsche mir eine warme, dicke Daunendecke zum Einkuscheln, und vielleicht auch zum Verstecken. Später wird der S. mich fragen, ob ich vielleicht friere, weil ich Angst habe. Ich tue den Gedanken als vollkommen abwegig ab. Doch hinterher denke ich: Nun ja, ich habe schon Angst davor, mich zu sehr zu öffnen, Menschen zu nahe an mich ranzulassen, mich ihnen schutzlos auszuliefern (vielleicht, so spinne ich insgeheim den Gedanken weiter, verliebe ich mich darum auch so oft in Männer, die mir nicht wirklich zu nahe treten können oder wollen). Und man ist wohl kaum schutzloser, als wenn man fast nackt auf einem Massagetisch liegt, neben dem ein fremder Mann steht, in einer fremden Wohnung, mitten in Berlin.
Der S. beginnt mit sehr sanften Berührungen an meinem Nacken, streckt ihn leicht, bewegt meinen Kopf vorsichtig hin und her. Sehr schnell gehe ich auf seine Berührungen ein, empfinde sie nicht als fremd, aufdringlich oder gar bedrohlich, sondern als sehr angenehm.
„Es ist immer gut, zu atmen“, erklärt S. „Das unterstützt den Prozess. Und davon wird dir auch wärmer.“ Er lächelt sein scheues Lächeln. Ich grinse unbeholfen. Atme ich denn nicht? Verdammt noch mal, natürlich atme ich. Doch mein leises, unauffälliges Luftholen genügt S. nicht.
„Atme tief in deinen Brustkorb hinein, meinen Händen entgegen“, fordert er mich auf. Und wie um mir zu demonstrieren, was er meint, atmet er selbst sehr tief und sehr laut ein und aus. Mit kraftvollen Bewegungen widmet er sich meinem Körper und bei jeder Bewegung, jeder neuen Berührung seufzt und grunzt, stöhnt und schnauft er. Fast wie beim Sex, schießt es mir durch den Kopf, und ein bisschen kommt es mir überhaupt so vor, als habe S. das Bestreben, mich zu einem Orgasmus zu schaukeln, zu schütteln, zu rütteln. Seine großen Hände umfassen mit sanftem, aber festem Druck meinen gesamten Brustkorb, sparen dabei auch die Brüste nicht aus, und versetzen mich in Schwingungen.
Ich liege da und atme, was das Zeug hält. Doch S. ist immer noch nicht zufrieden:
„Atmen!“ fordert er mich immer wieder auf. Und ich atme laut und tief ein und aus – bis mir schwindelig wird. S. arbeitet sich derweil vorsichtig meinen Körper entlang. Brust, Arme, Bauch, Beine, Rücken. An manchen Stellen sind seine Berührungen schmerzhaft, bohren sich seine Finger tief in mein Fleisch, berühren Punkte, an denen ich starke Verspannungen oder Blockaden habe. Dann wieder sind die Berührungen sanft und schmeichelnd. Mittlerweile atme ich fast von selbst und finde es gar nicht mehr albern, dabei laute Geräusche zu machen. Also, für meine Verhältnisse laut. S. findet meinen Atem weiterhin schwach und zu flach. Aber man kann nicht gleich auf Anhieb ein Atmungsvollprofi werden. Mir ist auch gar nicht mehr so kalt wie am Anfang. Und ich empfinde die Hände von S., die ebenfalls immer wärmer werden, als sehr wohltuend auf meinem Körper. Ich verliere jedes Gefühl für Raum und Zeit und genieße nur noch. Als ich gerade denke, jetzt könnte es noch stundenlang so weiter gehen, ist die Zeit jedoch rum und S. lässt die Session so sanft an meinem Kopf ausklingen, wie er sie begonnen hat. Ich bin total benommen und fühle mich noch lange etwas schwindelig und seltsam losgelöst vom Rest der Welt. Fast so, als hätte ich zu viel Alkohol getrunken. Oder guten, intensiven Sex gehabt. Oder beides.
Dann sitze ich mit S. in einem kleinen, indischen Restaurant und frage ihn aus. Über sein Leben. Und über die Methode, mit der er arbeitet. Er antwortet mit leiser, ruhiger Stimme. Und auf einmal ist er wie ausgewechselt und wirkt überhaupt nicht mehr unbeholfen und ängstlich, sondern sehr klar und sehr souverän. Er hat eine sehr sympathische Ausstrahlung und einen wachen, offenen Blick. Ich spüre, dass er ganz mit sich im Reinen ist, jetzt und hier, nachdem er mir so anschaulich demonstriert hat, was seine Berufung ist. Er hat über seinen Körper zu mir gesprochen, was viel intensiver war, viel direkter und intimer als jedes Wort. Und ich habe ihm geantwortet, ohne dass es mir bewusst war. Nun, da wir einander offenbart haben, findet S. auch die passenden Worte, um meine Fragen zu beantworten. Und als er von Tantra-Seminaren erzählt und davon, dass er auch erotische Massagen anbietet, überrascht mich das irgendwie gar nicht mehr sonderlich, ja, ich kann es mir sogar richtig gut vorstellen. War nicht auch unsere kleine Session eben eine sehr sinnliche Angelegenheit? Waren nicht auch hier Körper und Seele angesprochen, geriet nicht auch hierbei alles in mir in Schwingung und in Fluss und hinterließ eine zutiefst befriedigende Entspannung?
Als ich wieder nach Hause fahre, fühle ich mich sehr ruhig, sehr gelöst und sehr wach. Ich habe auf einmal ganz viele Fragen an S., den baumlangen Kerl, der seine ganz eigene, sehr persönliche Art gefunden hat, mit der Welt zu kommunizieren und sich die Geschichten anderer Menschen erzählen zu lassen, ohne dass sie auch nur ein einziges Wort dabei sprechen müssen. Dabei entsteht ein faszinierender Dialog, der einem glatt den Atem nehmen könnte, wenn S. nicht immer wieder darauf hinweisen würde:
„Vergiss das Atmen nicht. Atmen ist Lebendigkeit.“
Wie Recht er doch hat.
Unterwegs -
feinstrick - 28. Apr, 09:14
Und dann höre ich wieder ihre Zweifel, und ihre skeptischen Blicke treffen mich durchs Telefon hindurch und lassen all den Mut zusammensinken, den ich mir so mühsam erschaffen hatte. Ich werde wieder klein und ängstlich, verzweifelt bemüht, mich zu verteidigen, aber es gelingt mir nicht, weil die Unsicherheit größer ist als der Glaube an mich selbst. Und ich verfluche diese destruktiven Familienstrukturen, in denen jeder nur gelernt hat, um sich zu beißen und den anderen seinen eigenen Weg aufzuzwängen, statt einander die Hände zu reichen, Ängste gemeinsam zu überwinden und sich gegenseitig zu stützen und stärken.
Wann werde ich es endlich schaffen, mich von diesen Strukturen nicht mehr beeindrucken zu lassen?
Wohnzimmer -
feinstrick - 26. Apr, 09:52