Freitag, 30. Dezember 2016

Das verlustreiche Jahr

Es ist seltsam, dass wir uns alle irgendwie einig sind, dass 2016 als Jahr des Verlusts in die Geschichte eingehen wird. Jedenfalls las ich das bereits auch in anderen persönlichen Jahresrückblicken. Nicht nur, dass gefühlt jede Woche ein Prominenter starb, der mir etwas bedeutet hat und mich zum Teil seit meiner Kindheit begleitete. Auch persönlich habe ich in diesem Jahr einiges und einige verloren. Dabei gab es bereits viel schlimmere Jahre - zum Beispiel 2000 und 2001, als meine Eltern starben. Aber dies ist ja kein Wettbewerb der schlechtesten aller Jahre, sondern mein aktueller, subjektiver Eindruck.

Und ich finde: 2016 war das Jahr der Verluste, aber es war kein rundum schlechtes Jahr. Es fing sogar richtig gut an, mit einem wunderbaren Urlaub in der Sonne, mit Lachen und Glück und Leichtigkeit. Anderthalb Jahre hatte ich mein Geld beinah spielerisch verdient, es fiel mir so nebenbei in den Schoß, während ich ein Buch nach dem nächsten veröffentlichte - und gut verkaufte. Mein Lebenstraum, als Schriftstellerin zu arbeiten, war Wirklichkeit geworden und entsprechend gut fühlte ich mich.

Doch mir kam die Leichtigkeit zunehmend abhanden. Auf einmal wurde das Schreiben zur Arbeit, mehr noch: zur Pflicht. Ich setzte mich selbst unter Druck - mit dem Ergebnis, dass irgendwann gar nichts mehr ging. Dazu kamen der verschärfte Konkurrenzdruck und schlechtere Konditionen beim Verkaufen über die Onlineshops. Ein Herzensprojekt, in das ich viel Geld steckte, floppte finanziell total, obwohl das Buch überragende Bewertungen erhielt. Frust und Verzweiflung wuchsen, während das Geld auf meinem Konto schrumpfte. Zwischendrin war ich das heulende Elend, weil mein Lebenstraum nach so kurzer Zeit bereits wieder zerstört schien.

Und als ich mich gerade besonders mies fühlte, erreichte mich eine scheußliche Nachricht. Mein Exfreund hatte sich das Leben genommen. Wir hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr, ich erfuhr aus den sozialen Netzwerken davon, er hat seinen Tod öffentlich inszeniert. Offiziell hieß es, er habe an Depressionen gelitten. Doch die wenigen, die ihn genauer kannten, vermochten aus seinem Abschiedsbrief etwas ganz anderes herauszulesen. Auch ich weiß nicht, was ihn am Ende zu diesem Schritt trieb - wir hatten, wie gesagt, schon länger keinen Kontakt mehr. Aber eins weiß ich genau: Der Mann war sicher verzweifelt, Depressionen hatte er allerdings nicht.

Auf einmal war ich wieder mittendrin in einer Geschichte voller Lügen und (Selbst-)Täuschungen, mit denen ich doch schon lange nichts mehr zu tun haben wollte. Ich habe noch einmal geliebt, gehasst, getrauert - und am Ende in warmer Versöhnung losgelassen. Darüber bin ich froh. Aber der Weg dahin war schmerzhaft und einsam. Ich war in dieser Zeit sehr empfindsam, voller Sehnsucht nach Liebe und Zuwendung, nach jeglicher Form emotionaler Unterstützung. Einige enge Freunde waren da und fingen mich auf. Andere waren zu sehr mit ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigt und nicht in der Lage, mir beizustehen. Ich trennte mich von einem Mann und zerstritt mich mit einer meiner engsten Freundinnen (inzwischen sind wir wieder versöhnt, aber ein feiner, kleiner Riss wird bleiben).

Überhaupt Freundinnen: Zwei von ihnen trennten sich in diesem Jahr von mir. Die eine hüllte sich einfach in Schweigen und reagierte nicht mehr auf meine Mails. Ich weiß bis heute nicht, warum. Wir kennen uns ein Leben lang, hatten immer wieder Zeiten großer Nähe und großer (auch räumlicher) Distanz. Jetzt scheint etwas zerbrochen zu sein, das sich nicht mehr kitten lässt. Ich wünschte, ich wüsste, was geschehen ist, damit ich darauf reagieren könnte. Aber ich bin zu müde, wieder und wieder nachzubohren. Die andere Freundin postete in ihrem Blog eine Generalabrechnung über unsere Freundschaft. Ich sei egozentrisch und nähme mir nicht genug Zeit für sie, lautete der Hauptvorwurf. Abgesehen davon, dass ich ihr Verhalten unfassbar schäbig und feige finde, könnte ich den Spieß locker umdrehen. Nahezu alles, was sie mir vorwarf, ließe sich aus meiner Sicht ins Gegenteil kehren. Aber, ach, das ist alles der Mühe nicht wert. Sollen sich die Leute in ihrem eigenen Sumpf wälzen, solange es ihnen Vergnügen bereitet. Meine Baustellen sind das nicht mehr.

Nun schaue ich nach vorne, und zwar - ich staune selbst - voller Optimismus. Eigentlich gibt es keinen Anlass dafür. Ich habe Menschen verloren, bin beruflich (wieder mal) gescheitert, habe ein wehes Herz und schaue mir obendrein voller Sorgen die völlig aus den Fugen geratene Gesellschaft und Politik an. Und doch regt sich in mir etwas, das ich bislang nicht kannte. Ein feiner, merklich wachsender Trotz: Jetzt erst recht! Ihr könnt mich alle mal, ihr Egozentriker und Angeber, ihr Schönwetterfreunde und Feiglinge, ihr Rassisten und Hetzer, ihr Schwachköpfe und Mitläufer. Und auch du, lieber Tod, kannst mich mal. Statistisch gesehen habe ich den größten Teil meines Lebens hinter mir, und ich finde, so schlecht ist das alles gar nicht gelaufen (ja, ich weiß, das klingt nicht immer so - aber die Gesamtbilanz ist durchaus positiv). Also, mir machst du keine Angst, indem du immer näher rückst.

Ja, und auch sonst ist alles gut. Ich bin in den vergangenen Jahren so oft auf die Nase gefallen und wieder aufgestanden, dass ich mir sage: Irgendwie wird es auch diesmal klappen. Vielleicht nicht mit dem Verkauf von Büchern. Dann kommt eben was anderes. Genau wie auch sonst im Leben. Es gibt nur zwei Dinge, die mir im Moment wichtig sind: meinem Herzen zu folgen und Liebe (zu mir selbst, zu anderen, aber auch zu meiner Arbeit). Selbstzweifel, Angst, Ärger oder gar Hass führen zu gar nichts. Es mag eigenartig klingen, aber ausgerechnet all diese Konflikte, die Verluste und dieses (scheinbare) Scheitern haben mich weitergebracht und mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen und mehr bei mir zu sein. So gesehen war 2016 sogar ein richtig gutes Jahr.

In diesem Sinne: Kommen Sie gut ins neue Jahr und machen Sie es sich schön!

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Dienstag, 29. November 2016

Willst du gelten ...

... mach Dich selten, pflegte schon meine Mutter zu sagen. Mir fiel es in der Regel schwer, diesen Rat zu befolgen, jedenfalls, wenn es um Männer ging. Wenn ich das Gefühl hatte, dass mir einer abhandenkam, klammerte ich mich an ihn - und verlor ihn dadurch natürlich erst recht.

Jetzt ist aber alles irgendwie anders und ich staune, sowohl über mich selbst als auch über den Mann. Zwei Monate ist es her, dass ich ihn freundlich, aber bestimmt fortschickte. Die Vereinbarung lautete, dass ich mich melden würde, wenn ich gern wieder Kontakt hätte - egal ob in vier Wochen, vier Monaten oder vier Jahren.

Nun, was soll ich sagen? Mein hartnäckiges Schweigen scheint ihn zu beunruhigen. Die erste Kontaktaufnahme fand an meinem Geburtstag statt, da hatte er einen schönen Vorwand, um mir zu schreiben. Ich reagierte erfreut, was ihn dazu ermutigte, mich umgehend anzurufen und dann, als er mich nicht erreichte, noch eine Mail nachzuliefern. Ich staunte nicht schlecht, meldete mich aber nicht mehr. Schließlich wollte ich ja eigentlich meine Ruhe haben.

Seitdem streckt er seine Fühler immer wieder nach mir aus. Da eine kleine Mail, dort ein Anruf (der mich wieder nicht erreichte). Fehlt eigentlich bloß noch, dass er »rein zufällig« in meiner Straße auf und ab spaziert.

Ich gestehe: Damit habe ich nicht gerechnet, und als die Geburtstagsmail kam, freute ich mich sehr. Ach, dachte ich, er hängt doch an mir, das ist schön. Doch allmählich schwanke ich zwischen Freude und Ärger. Er nimmt meine Bedürfnisse gar nicht ernst, respektiert meinen Wunsch nach Ruhe überhaupt nicht. Ich nehme an, der Jagdtrieb geht mit ihm durch. Dass er mich als Mensch vermisst, bezweifle ich jedenfalls. Da müssten seine Mails schon etwas weniger begehrlich klingen.

Und nun? Ich gestehe, ich weiß es nicht. Erst mal lasse ich ihn weiter zappeln. Und staune, dass ich das so gut hinbekomme. Aber ich habe zum Glück zurzeit so viel Arbeit, dass ich kaum zum Nachdenken komme. Da haben sinnliche Gedanken wenig Platz. Und Herzensdinge gleich gar nicht.

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Sonntag, 16. Oktober 2016

Stalker

Vor vielen Jahren saß ich mal in einem Zug neben einem Mann, der wie ich die lange Strecke von Basel nach Hamburg zurücklegte. Wir hatten viel Zeit, kamen ins Gespräch. Ich war sehr erfüllt von meiner Reise, die ich zu Recherchezwecken für meine Magisterarbeit unternommen hatte. Darin beschäftigte ich mich mit einem Schweizer Maler und hatte deshalb u. a. intensiven Kontakt zum Vorsitzenden einer Stiftung gehabt, die den Nachlass des Malers verwaltete.
Das alles erzählte ich dem Mann im Zug. Er selbst arbeitete bei irgendeiner Behörde, hatte eine Frau und Kinder. Er war erheblich älter als ich, und ich fand ihn zwar ganz unterhaltsam als Sitznachbarn, hatte aber ansonsten null Interesse an ihm. Als er mich in den Speisewagen auf ein Glas Wein einlud, folgte ich ihm nur aus Langeweile. In Hamburg verabschiedeten wir uns höflich voneinander.
Ein paar Wochen später erhielt ich auf einmal einen Anruf. Am anderen Ende der Leitung war der Mann aus dem Zug. Ich war schockiert, denn ich hatte ihm weder meinen Namen noch meine Telefonnummer gegeben. Er hatte anhand der Details, die ich ihm über meine Reise und den Maler genannt hatte, recherchiert (und das alles zu Zeiten vor dem Internet!), dabei sogar Kontakt zu besagter Stiftung aufgenommen, nur, um mich aufzuspüren. Was er wollte, war schnell klar, ohne dass er es deutlich in Worte fassen musste. Ich war wütend ob seiner Zudringlichkeit und verstört angesichts der Dreistigkeit, mit der er mir hinterhergejagt war. Er war geradezu stolz auf die detektivische Leistung, die er vollbracht hatte. Ich hingegen war entsetzt und beendete das Telefonat sehr schnell.

Vor einiger Zeit hatte ich mal in einer Singlebörse regen Mailkontakt zu einem Mann. Er wirkte sehr interessant, schrieb klug und feinsinnig und ich vertraute ihm so sehr, dass ich ihm nicht nur recht intime Details über mein Liebesleben erzählte. Ich schickte ihm auf sein Drängen hin auch ein PDF mit einem Textauszug aus einem meiner Romane. In meiner Dämlichkeit vergaß ich jedoch, dass in den Metadaten des PDF mein voller Name stand. Der Mann machte mich immerhin darauf aufmerksam, dass er sich nun erst mal in aller Ruhe meine Website mit sämtlichen beruflichen Informationen über mich angeschaut habe. Mir wurde heiß und kalt, denn dort steht auch meine vollständige Adresse. Aber ich sagte mir, ach, halb so schlimm, das ist ein Netter, der darf das alles wissen.
Bald darauf traf ich den Mann auf einen Kaffee. Und ich entdeckte voller Entsetzen, dass er keineswegs ein Netter war. Vielmehr hatte er ein massives Suchtproblem und war zudem hochgradig aggressiv. Wir saßen an einem Tisch am Fenster und alle Frauen, die draußen vorbeigingen, bedachte er mit so abfälligen Bemerkungen, dass ich am liebsten sofort aufgestanden und gegangen wäre. Ich blieb, aber es war klar, dass ich diesen Mann nicht mal als guten Freund haben wollte. Und mir wurde erneut heiß und kalt, als ich daran dachte, was er inzwischen alles über mich wusste.
Er reagierte sehr beleidigt auf meine Absage und demütigte mich in seiner Abschiedsmail auf widerwärtige Weise. Das unterstrich mein unwohles Gefühl noch, aber er ließ mich zum Glück anschließend in Ruhe. Doch mein Interesse an Singlebörsen war für sehr lange Zeit gestillt.

Nun habe ich es doch wieder gewagt, hauptsächlich, um meinen Herzschmerz zu verdrängen. Der erste Mann geriet mit mir in Streit, weil ich kein öffentlich sichtbares Profilbild eingestellt hatte. Er fand das feige. Der zweite tauchte kommentarlos ab, nachdem ich ihm ein Foto per Mail geschickt hatte. Der dritte mokierte sich ewig über meine kurzen Haare und erklärte, er fände lange Haare viel hübscher. Ich wollte ihn schon in die Wüste schicken, dachte aber: Nun sei mal nicht so mäkelig wie all diese Kerle hier, sonst wird das nie was.
Also tauschte ich mich noch ein wenig mehr mit dem Mann aus. Als er mich fragte, warum ich mein Pseudonym als Gruß verwendete, erklärte ich, dass es mir wichtig sei, meine Privatsphäre zu wahren. Er schickte mir daraufhin einen Link zu seiner beruflichen Website. Ich war sehr überrascht, wussten wir doch praktisch noch nichts voneinander, wir hatten bis dahin gerade mal eine Handvoll oberflächlicher Mails getauscht.
Aber ich honorierte seinen Vertrauensvorschuss, indem ich unter die nächste Nachricht meinen richtigen Vornamen setzte. Und auf seine Frage hin erwähnte ich, welche Art Bücher ich schreibe.
Und dann passierte es wieder. Als ich das nächste Mal in mein Postfach sah, fand ich endlos lange Nachrichten dieses Mannes vor, in denen er lang und breit erklärte, wie hübsch er mich mit langen Haaren fände, wie interessant meine Bücher aussähen und dass er für ein erstes Date wohl zur Buchmesse kommen müsse, da ich ja nächste Woche viel beschäftigt sei.

Er verpackte das alles freundlich und nett in kleine Geschichten aus seinem eigenen Alltag. Aber diese charmanten Geschichten kamen bei mir gar nicht mehr an. Das Einzige, was ich wahrnahm: Dieser Mann hatte sich anhand der wenigen Daten, die er von mir hatte, wie ein Detektiv auf die Suche nach mir gemacht. Er hatte sich alles angeschaut, was es über mich im Netz zu finden gibt (und das ist viel!). Er hatte sich ungefragt in mein Leben gedrängt, mich ausspioniert und mich noch vor einem ersten Treffen nackt ausgezogen.

Ich begreife es nicht. Glauben Männer wirklich, dass wir Frauen so was mögen? Ich empfinde das als große Respektlosigkeit und bin mir sicher, dass sich so ein Mann auch in einem freundschaftlichen oder partnerschaftlichen Miteinander über Grenzen hinwegsetzen würde. Diese Art der Zudringlichkeit ist mir völlig fremd. Mehr noch: Sie stößt mich ab. Mein Bedarf an Abenteuern in Onlinebörsen ist jedenfalls fürs Erste wieder mal gestillt.

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Samstag, 1. Oktober 2016

Therapeutisches Putzen

Ich habe gestern stundenlang einen wirklich dreckigen Kellerraum geschrubbt und tonnenweise Staubflocken, Spinnweben und anderen Schmutz beseitigt. Das hatte ich schon lange geplant, aber gestern war ein guter Tag dafür. Denn vorgestern habe ich etwas beendet, das sich nicht mehr richtig anfühlte.

Nach Monaten voller Frieden und Harmonie, voller inniger Zuwendung und heißer Leidenschaft gab es auf einmal Risse. Mir ging es sehr gut im letzten Jahr, aber in diesem Sommer hatte ich ein paar scheußliche Momente. Und genau da, als ich ihn dringend gebraucht hätte, kniff er und tauchte ab. Später rechtfertigte er sich damit, dass dies eben keine Liebesbeziehung sei und er mir nicht permanent zugewandt sei, sprich: Wenn er grade mit den Gedanken und dem Herzen anderswo ist, dann habe ich leider Pech gehabt.

Da gab es dann nicht mehr nur Risse, da brach auch etwas. Die Enttäuschung, dass er nicht mal wie ein guter Freund reagieren konnte, dass da einfach überhaupt keine Bereitschaft war, mal für ein paar Augenblicke für mich da zu sein (mehr wäre gar nicht nötig gewesen), verletzt mich. Alles, was ich bis dahin dachte, entpuppte sich als Illusion. Das, was zwischen uns entstanden war, taugt nicht für etwas Langfristiges. Nicht mal als bloße Affäre.

Die Trennung vollzogen wir leise, still und sehr friedlich. Er war geschockt, hatte trotz ausgiebiger Vorgespräche nicht damit gerechnet, dass ich tatsächlich gehen würde. Das erstaunte mich. Aber was hilft es? Er hatte nicht den Mut, nicht das Interesse, das Bedürfnis, was auch immer, um mir in seinem Herzen einen größeren Platz einzuräumen. Trotz aller Nähe, die im Laufe des Jahres zwischen uns gewachsen ist.

Dass die Trennung so friedlich vonstatten ging, ist eine völlig neue Erfahrung für mich. Wenn ich da an unser letztes Mal denke - puh, das war ein echtes Fiasko, von dem ich mich nur mühsam erholte. Und auch, dass ich es war, die die Reißleine gezogen hat, ist neu - noch dazu habe ich es rechtzeitig geschafft, bevor ich mich richtig schlecht fühlte. Mir scheint, langsam werde ich erwachsen.

Nach dem gestrigen Großputztag fühle ich mich heute krank und erschöpft. Entweder kriege ich eine fette Erkältung oder der Staub im Keller tat meiner allergischen Nase nicht gut. Wie auch immer, mir scheint, es ist ganz passend, jetzt erst mal schlapp zu machen. Auf diese Weise löst sich die ganze innere Anspannung, die mir bereits üble Blockaden in den Lendenwirbeln beschert hatte, sodass ich mehrere Tage nicht laufen konnte.

Was nun kommt - wer weiß das schon? Vielleicht tun wir uns in ein paar Monaten wieder zusammen (aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei). Vielleicht erscheint aber auch endlich mal jemand in meinem Leben, der ganz für mich da ist, nicht nur halb. Der keine Angst vor Gefühlen hat und seine Arme ausbreitet, wenn ich ihn brauche, statt abzuhauen. Mir scheint, allmählich wäre ich bereit dafür. Und ja, träumen darf man ja wohl noch, oder?

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Dienstag, 6. September 2016

Kindisch

Nach vielen Monaten großer Innigkeit und Nähe gab es plötzlich einen Bruch. Ich fühlte mich nicht gut, er konnte mich nicht auffangen, sondern zog sich zurück. Das alte Muster, das alte Spiel. Ich vermochte nicht darüber zu reden, es kamen weitere Missklänge hinzu, mein innerer Ärger schwoll an, bis er gigantisch wurde. Im Gespräch mit einer Freundin wird mir klar, dass dieser Ärger hauptsächlich in meinem Kopf stattfindet. Er sieht das alles vermutlich ganz anders, nimmt die feinen Risse, die unterschwelligen Spannungen zumindest bewusst nicht wahr. Unbewusst scheint aber doch was angekommen zu sein, denn er zieht sich immer mehr zurück. Wir sehen uns monatelang nicht.

Das ist ausgerechnet eine Zeit, in der ich ohnehin zu kämpfen habe. Beruflich läuft es nicht, privat hat mich meine Vergangenheit eingeholt - Trauerbewältigung und Aufräumen sind angesagt. Selten im letzten Jahr hätte ich so dringend eine Schulter zum Ausweinen gebraucht, eine liebevolle Umarmung, ermutigende Worte. Von seiner Seite aus erhalte ich: nichts. All meine zaghaften Hinweise ignoriert er. Vielleicht nimmt er sie auch nicht wahr, denke ich zwischendrin und bin auf einmal unsicher. Immerhin äußere ich meine Bedürfnisse nicht allzu deutlich. Aber ich schaffe es immer noch nicht, mit ihm zu reden. Hauptsächlich, weil ich fürchte, dass ich das völlig Falsche sagen werde. Viel zu vorwurfsvoll. Das wird alles zerstören.

„Ich muss lernen, solche Konflikte endlich erwachsen zu lösen“, sage ich zu meiner Freundin. „Ohne Vorwürfe und ohne alles zu zerstören.“ Im Geist lege ich mir zurecht, was ich sagen will. Anfangs sind es endlos lange, zornige Reden. Später werden sie kürzer und milder. Ich will etwas Versöhnliches sagen, will ihm meine Verletzlichkeit zeigen, mich ihm öffnen und anvertrauen. Mehrmals greife ich zum Telefon, mehrmals lege ich es wieder zur Seite, weil mir die innere Gelassenheit für ein derartiges Gespräch fehlt.

Und dann will er mich urplötzlich sehen. Ich bin nicht darauf vorbereitet, nicht so schnell, nicht jetzt. Aber ich sage zu. Endlich, so denke ich, werden sich alle Spannungen zwischen uns auflösen. Wenn ich ihn erst mal sehe und umarmen kann, wird alles gut. Er kommt zu mir, es gibt schnellen, wilden Sex. Es fühlt sich alles gut an und doch spüre ich, dass etwas nicht stimmt. Wir hören relativ schnell wieder auf, liegen beieinander im Bett und reden, kommen dabei vom Stöckchen aufs Hölzchen, und statt wie sonst dabei in inniger Nähe verbunden zu sein, spüre ich, wie die Kluft zwischen uns immer größer wird. Als ich sage, wie sehr mir in den letzten schwierigen Wochen bewusst geworden ist, was mir alles fehlt in unserem Miteinander, kommt er mir nicht entgegen. Kein: „Aber hättest du doch was gesagt.“ Kein: „Ich bin doch für dich da, wenn du mich brauchst.“

Und dann geschieht es. Ich fange an, Unsinn zu reden. Fange an, mich über seine Beziehungsmuster auszulassen und darüber, dass er keine Nähe ertragen kann (als ob ich das könnte!). Ich rede so vor mich hin, es sprudelt nur so aus mir heraus. Eine unbedachte Bemerkung folgt der nächsten. Nichts davon hatte ich mir vorher in meinem Kopf zurechtgelegt. Nichts davon ist konfliktlösend oder schafft Nähe und Vertrauen. Im Gegenteil - wir treiben immer weiter auseinander. Er bleibt erstaunlich ruhig, sagt überraschend wenig zu all meinen Vorwürfen und spitzen Bemerkungen. Wir gehen sogar noch mal in eine zweite Sexrunde.

Aber zum Abschied sagt keiner von uns, dass das ein schöner Abend war. Und er sagt nicht: „Bis bald“, sondern: „Halt mich auf dem Laufenden über deine Projekte“. Er ist genauso weit weg von mir wie ich von ihm. Ich bin mir sicher, dass ich so bald nichts wieder von ihm hören werde.

Als er fort ist, hocke ich fassungslos auf meinem Bett, in mir krampft sich alles zusammen, mir ist ganz übel. Wie konnte das nur passieren? Warum habe ich alles derart vermasselt? Eine Trennung hätte ich doch auch anders einleiten können, indem ich einfach gesagt hätte: „Es geht nicht mehr.“ Und dabei weiß ich noch nicht mal, ob ich diese Trennung wirklich will. Oder war ich die ganze Zeit bloß zu feige, diesen Schritt zu wagen? Musste ich daher den Umweg gehen und ihn vergraulen, damit ich nicht selbst die Verantwortung für den finalen Schnitt übernehmen muss? Und überhaupt - wie kriegt man es hin, binnen kürzester Zeit von sehr großer Innigkeit in eine unüberbrückbare Distanz zu schliddern? Das ist mir immer noch ein Rätsel.

Ich mache mich dann mal daran, meine Einzelteile wieder zusammenzusammeln.

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Ich tröste mich in solchen Jahren an manchen Tagen...
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