Sonntag, 22. November 2009

Trauer

Früher dachte ich, die Trauer um geliebte Menschen würde im Laufe der Jahre verblassen wie die Bilder an längst vergangene Zeiten. Doch ich stelle immer häufiger fest, dass das nicht stimmt. Meine Mutter ist nun seit fast zehn Jahren tot, mein Vater seit neun. Aber weder bleichen die Erinnerungen an die beiden aus, noch verschwindet dieses schmerzhafte Gefühl von Trauer, wenn ich an sie denke. Im Gegenteil, fast scheint es mir so, als würde mir der Verlust erst jetzt richtig bewusst werden. Nach all den Jahren fange ich an zu begreifen, was mir alles genommen wurde, was ich verloren habe, verstehe ich, wie traumatisch das Sterben meiner Eltern war. Jahrelang war ich wie betäubt, habe einfach weitergelebt, vergnügt, lebenshungrig und begierig, mich lebendig zu fühlen und Schmerz und Verzweiflung nicht zu nah an mich heranzulassen. Das war sicher gut so.

Doch ich werde dünnhäutiger. Als ich heute auf dem Friedhof stand, ein Grablicht anzündete und ein Tannengesteck auf die feuchte Erde legte, befiel mich ein fast unerträgliches Gefühl großer Verlassenheit. Während mir die Tränen übers Gesicht liefen, erinnerte ich mich an mein letztes Gespräch mit meiner Mutter, daran, wie sie mir zum Abschied zugewinkt hatte, in einer fast kindlichen Geste. Ich wusste damals nicht, dass sie 24 Stunden später nicht mehr leben würde. Ob sie selbst es ahnte oder sogar fühlte? Überall auf dem Friedhof standen und gingen Menschen umher und gedachten ihrer eigenen Lieben. Ich war nicht alleine mit meinen Tränen, meiner Trauer. Vor der Kapelle spielte ein Posaunenchor. Ich erinnerte mich an die Posaunenchöre meiner Kindheit und musste erneut weinen. War das ein Zeichen von Alterssentimentalität? Oder lag es nur an diesem trüben November, der mit diesem dunklen, regnerischen Totensonntag seinen Höhepunkt erreichte?

Zuhause tröstete ich mich mit einem großen Becher heißer Schokolade mit Schlagsahne. Und mit Erinnerungen. Ich holte meine alten Fotoalben aus dem Schrank und blätterte durch vergilbte Seiten und unscharfe, fehlbelichtete Fotos. Ein wenig bedauere ich es ja, dass es vor dreißig Jahren noch keine digitale Fotografie gab. Ich erinnerte mich an unseren großen Esstisch, an dem wir halbe Tage mit Essen und Reden verbrachten. Ich entdeckte im Regal meiner Mutter eine Vase, die jetzt in meinem eigenen Regal steht. Ich sah meine Geschwister, klein und niedlich, und mich selbst, ebenfalls klein und niedlich. Ich lachte über meine Dauerwellenphase – schick, aber heute natürlich völlig indiskutabel. Ich ging in Gedanken auf Reisen – erst mit meiner ganzen Familie, später mit meiner Schwester, mit Freunden oder ganz alleine. Mit dem Fahrrad durch Skandinavien. Per Interrail durch Großbritannien und Frankreich. Mit dem Flugzeug nach Kreta. Jeder Urlaub endete wieder bei meinen Eltern, auch dann, als ich schon gar nicht mehr bei ihnen wohnte. „Ich vermisse Mamas Essen“, stand irgendwo unter einem Bild. „Ich sehne mich danach, Ostern wieder zuhause bei Mama und Papa zu sein.“ So schön es draußen in der Welt war, irgendwann trieb es mich immer wieder nach Hause.

Das ist auch heute noch so. Nur dass es mich eben in meine eigenen vier Wände zieht, denn ein anderes Zuhause habe ich nicht mehr. Aber ich habe viele reiche Erinnerungen an ein buntes, bewegtes Leben, an intensive Familienzeiten voller Geborgenheit, Lebendigkeit und Liebe. Und dennoch – das vergesse ich bei aller Sentimentalität nie – waren das auch Zeiten voller Konflikte, pubertärem Unwohlsein und dem Gefühl, zu ersticken.

Im Fernsehen rät ein buddhistischer Meister, dass wir mehr im Jetzt leben und achtsam jeden Augenblick wahrnehmen sollen. Lächelnd stelle ich die Fotoalben zurück in den Schrank. Stimmt. Viele Augenblicke meines Lebens habe ich nicht bewusst gelebt, weil ich zu sehr in der Vergangenheit festhing oder schon in die Zukunft schaute. Dennoch möchte ich nicht losgelöst von all meinen Erinnerungen leben. Sie machen schließlich mein Leben aus. Was wäre ich denn ohne sie? Nur ein kleiner Moment im Jetzt? Ein bisschen wenig, finde ich.

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