Freitag, 30. Dezember 2016

Das verlustreiche Jahr

Es ist seltsam, dass wir uns alle irgendwie einig sind, dass 2016 als Jahr des Verlusts in die Geschichte eingehen wird. Jedenfalls las ich das bereits auch in anderen persönlichen Jahresrückblicken. Nicht nur, dass gefühlt jede Woche ein Prominenter starb, der mir etwas bedeutet hat und mich zum Teil seit meiner Kindheit begleitete. Auch persönlich habe ich in diesem Jahr einiges und einige verloren. Dabei gab es bereits viel schlimmere Jahre - zum Beispiel 2000 und 2001, als meine Eltern starben. Aber dies ist ja kein Wettbewerb der schlechtesten aller Jahre, sondern mein aktueller, subjektiver Eindruck.

Und ich finde: 2016 war das Jahr der Verluste, aber es war kein rundum schlechtes Jahr. Es fing sogar richtig gut an, mit einem wunderbaren Urlaub in der Sonne, mit Lachen und Glück und Leichtigkeit. Anderthalb Jahre hatte ich mein Geld beinah spielerisch verdient, es fiel mir so nebenbei in den Schoß, während ich ein Buch nach dem nächsten veröffentlichte - und gut verkaufte. Mein Lebenstraum, als Schriftstellerin zu arbeiten, war Wirklichkeit geworden und entsprechend gut fühlte ich mich.

Doch mir kam die Leichtigkeit zunehmend abhanden. Auf einmal wurde das Schreiben zur Arbeit, mehr noch: zur Pflicht. Ich setzte mich selbst unter Druck - mit dem Ergebnis, dass irgendwann gar nichts mehr ging. Dazu kamen der verschärfte Konkurrenzdruck und schlechtere Konditionen beim Verkaufen über die Onlineshops. Ein Herzensprojekt, in das ich viel Geld steckte, floppte finanziell total, obwohl das Buch überragende Bewertungen erhielt. Frust und Verzweiflung wuchsen, während das Geld auf meinem Konto schrumpfte. Zwischendrin war ich das heulende Elend, weil mein Lebenstraum nach so kurzer Zeit bereits wieder zerstört schien.

Und als ich mich gerade besonders mies fühlte, erreichte mich eine scheußliche Nachricht. Mein Exfreund hatte sich das Leben genommen. Wir hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr, ich erfuhr aus den sozialen Netzwerken davon, er hat seinen Tod öffentlich inszeniert. Offiziell hieß es, er habe an Depressionen gelitten. Doch die wenigen, die ihn genauer kannten, vermochten aus seinem Abschiedsbrief etwas ganz anderes herauszulesen. Auch ich weiß nicht, was ihn am Ende zu diesem Schritt trieb - wir hatten, wie gesagt, schon länger keinen Kontakt mehr. Aber eins weiß ich genau: Der Mann war sicher verzweifelt, Depressionen hatte er allerdings nicht.

Auf einmal war ich wieder mittendrin in einer Geschichte voller Lügen und (Selbst-)Täuschungen, mit denen ich doch schon lange nichts mehr zu tun haben wollte. Ich habe noch einmal geliebt, gehasst, getrauert - und am Ende in warmer Versöhnung losgelassen. Darüber bin ich froh. Aber der Weg dahin war schmerzhaft und einsam. Ich war in dieser Zeit sehr empfindsam, voller Sehnsucht nach Liebe und Zuwendung, nach jeglicher Form emotionaler Unterstützung. Einige enge Freunde waren da und fingen mich auf. Andere waren zu sehr mit ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigt und nicht in der Lage, mir beizustehen. Ich trennte mich von einem Mann und zerstritt mich mit einer meiner engsten Freundinnen (inzwischen sind wir wieder versöhnt, aber ein feiner, kleiner Riss wird bleiben).

Überhaupt Freundinnen: Zwei von ihnen trennten sich in diesem Jahr von mir. Die eine hüllte sich einfach in Schweigen und reagierte nicht mehr auf meine Mails. Ich weiß bis heute nicht, warum. Wir kennen uns ein Leben lang, hatten immer wieder Zeiten großer Nähe und großer (auch räumlicher) Distanz. Jetzt scheint etwas zerbrochen zu sein, das sich nicht mehr kitten lässt. Ich wünschte, ich wüsste, was geschehen ist, damit ich darauf reagieren könnte. Aber ich bin zu müde, wieder und wieder nachzubohren. Die andere Freundin postete in ihrem Blog eine Generalabrechnung über unsere Freundschaft. Ich sei egozentrisch und nähme mir nicht genug Zeit für sie, lautete der Hauptvorwurf. Abgesehen davon, dass ich ihr Verhalten unfassbar schäbig und feige finde, könnte ich den Spieß locker umdrehen. Nahezu alles, was sie mir vorwarf, ließe sich aus meiner Sicht ins Gegenteil kehren. Aber, ach, das ist alles der Mühe nicht wert. Sollen sich die Leute in ihrem eigenen Sumpf wälzen, solange es ihnen Vergnügen bereitet. Meine Baustellen sind das nicht mehr.

Nun schaue ich nach vorne, und zwar - ich staune selbst - voller Optimismus. Eigentlich gibt es keinen Anlass dafür. Ich habe Menschen verloren, bin beruflich (wieder mal) gescheitert, habe ein wehes Herz und schaue mir obendrein voller Sorgen die völlig aus den Fugen geratene Gesellschaft und Politik an. Und doch regt sich in mir etwas, das ich bislang nicht kannte. Ein feiner, merklich wachsender Trotz: Jetzt erst recht! Ihr könnt mich alle mal, ihr Egozentriker und Angeber, ihr Schönwetterfreunde und Feiglinge, ihr Rassisten und Hetzer, ihr Schwachköpfe und Mitläufer. Und auch du, lieber Tod, kannst mich mal. Statistisch gesehen habe ich den größten Teil meines Lebens hinter mir, und ich finde, so schlecht ist das alles gar nicht gelaufen (ja, ich weiß, das klingt nicht immer so - aber die Gesamtbilanz ist durchaus positiv). Also, mir machst du keine Angst, indem du immer näher rückst.

Ja, und auch sonst ist alles gut. Ich bin in den vergangenen Jahren so oft auf die Nase gefallen und wieder aufgestanden, dass ich mir sage: Irgendwie wird es auch diesmal klappen. Vielleicht nicht mit dem Verkauf von Büchern. Dann kommt eben was anderes. Genau wie auch sonst im Leben. Es gibt nur zwei Dinge, die mir im Moment wichtig sind: meinem Herzen zu folgen und Liebe (zu mir selbst, zu anderen, aber auch zu meiner Arbeit). Selbstzweifel, Angst, Ärger oder gar Hass führen zu gar nichts. Es mag eigenartig klingen, aber ausgerechnet all diese Konflikte, die Verluste und dieses (scheinbare) Scheitern haben mich weitergebracht und mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen und mehr bei mir zu sein. So gesehen war 2016 sogar ein richtig gutes Jahr.

In diesem Sinne: Kommen Sie gut ins neue Jahr und machen Sie es sich schön!

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