Balkonien

Montag, 21. Juli 2014

Balkonstunde

Nach einem erfüllten Tag sitze ich bei Kerzenschein auf dem Balkon, erhasche im Westen einen letzten hellen Lichtstreifen am Himmel und denke mit wehem Herzen: Vor zwei Wochen war der um diese Zeit noch heller. Aber was für ein Genuss, draußen zu sitzen! Ich mache das neuerdings viel zu wenig, verkrieche mich abends oft schon früh und genieße die Geborgenheit meines Bettes, um zu lesen, zu essen, zu arbeiten oder Filme zu gucken. Das sind wohl so erste Anzeichen davon, dass man wunderlich wird, oder?

Der letzte Sommer war irgendwie nicht meiner – zu viel Herzweh, zu viele Katastrophen, zu vieles, was überhaupt nicht in einen Sommer gehörte. Dieser hingegen ist famos. Es gibt zwar nicht weniger Katastrophen als im vergangenen Jahr, aber ich kann sie besser aushalten. Mit einem Achselzucken nehme ich die Dinge, wie sie kommen und hoffe, dass die dunklen Tage rascher vorübergehen als die sonnigen.

Der Schwindel ist so gut wie weg, dafür ist die Brille auch nach dem Austauschen der Gläser immer noch eine Enttäuschung und ich überlege, welches Übel das kleinere ist: Eine auf allen Ebenen mittelmäßig brauchbare Gleitsichtbrille zu tragen, oder eine perfekte Fernsichtbrille, die mir aber leider im Nahbereich nicht viel hilft, sodass ich perspektivisch im Supermarkt die Lesebrille rauskramen muss, um die Beschriftungen auf den Verpackungen lesen zu können. Das ist unschön. Aber ständig das Gefühl zu haben, alles unscharf und verzerrt zu sehen, ist nicht besser.

Es ist eindeutig eine offline-Zeit. Ich treibe viel Sport, treffe Freunde, arbeite, habe in den letzten Wochen jede Menge Fußball geguckt, genieße das fantastische Sommerwetter (nein, ich jammere nicht über die Hitze, obwohl ich nachts schlecht schlafe und tagsüber schlapp bin – aber du liebes Bisschen, wie viele Tage im Jahr sind im Norden derart sommerlich? Und wie viele sind grau und kalt?) und spüre, wie das Leben dahinfließt.

Manchmal, wenn ich nachts wach liege, fürchte ich mich vor diesem steten Fließen und frage mich, wie viel Zeit mir noch bleibt, was noch alles kommt, und ob ich nicht schon viel zu viele Jahre verloren habe. Jahre, die nicht mehr zurückkehren, von denen nur vage Erinnerungen bleiben, manchmal kaum das.

Aber ich weiß, dass ich zurzeit nicht anders kann, als mich einfach in den Strom einzureihen und mitzuschwimmen, wohin auch immer. Ausbrechen, noch mal das ganz große Ding reißen – schön wärs, aber momentan ist es undenkbar. Immerhin schwimme ich und gehe nicht unter oder stecke fest. Das ist doch schon mal was.

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Sonntag, 7. Juli 2013

Sonntagsträume

Sonntagmittag halb zwei, und ich sitze immer noch beim Frühstück auf meinem Balkon. Noch ist es kühl hier, die Sonne kommt erst langsam herum. Aber spätestens in einer halben Stunde werde ich den Sonnenschirm aufspannen müssen. Alles, was ich mir für heute vorgenommen habe, ist bis jetzt liegengeblieben. Aber ich finde das nicht schlimm, vielmehr genieße ich die Ruhe (wobei „Ruhe“ relativ ist, irgendwo in der Nachbarschaft findet ein Fest statt, Musik und Megaphongelärme wehen herüber). Seit Monaten habe ich an diesem Wochenende endlich mal wieder ausgeschlafen, hat mein Körper es geschafft, sich die Erholung zu holen, die er brauchte. Es geht mir gut.

Dass ich mein Pflichtprogramm nicht erledigt kriege, sondern es schiebe und schiebe, passt dazu. Die letzten Monate waren so wahnsinnig anstrengend, jetzt holen Körper und Seele sich, was sie brauchen. Noch ist es ein bisschen früh dafür, Urlaub habe ich mir erst ab August genehmigt. Aber seit wann kann man planen, was der Seele zusteht?

So genieße ich es also, hier zu sitzen und meinen Gedanken nachzuhängen. Ich denke über die Liebe nach. Darüber, dass sie uns manchmal befällt, obwohl uns das gar nicht in den Kram passt. Und darüber, dass sie uns oft genug nicht berührt, obwohl wir es uns so sehr wünschen. („Er ist sooo ein netter Kerl, warum nur kann ich mich nicht in ihn verlieben?“) Ich denke darüber nach, warum uns ausgerechnet das schönste Gefühl der Welt oft so viele Scherereien beschert. Warum wir es nicht einfach annehmen können als ein Geschenk, das unser Leben bereichert. Warum Liebe so oft mit Drama und Tragödie verbunden ist, statt einfach nur mit Glück.

Ich denke über verschiedene Projekte nach, die ich gerade begonnen habe bzw. die schon länger laufen, die mich erfüllen und mir Spaß machen – für den Moment jedenfalls. Herzensprojekte, an denen ich nicht einen Cent verdiene. Aber gerade sie bereiten mir die meiste Freude, in sie würde ich gern viel, viel mehr Zeit investieren.

Ich denke über alles nach, nur nicht über meine Zukunft, über das, was wirklich drängt, was obenauf liegt. Zwischendrin tauchen kleine Gedankensplitter auf, die mich erfreuen. Ach ja, DAS könnte man ja auch mal machen, das wär's jetzt echt. Aber ich müsste aktiv werden, müsste die Splitter festhalten und zu einem Bild zusammenfügen, müsste ein Ziel entwickeln und ihm folgen. Aber das kann ich nicht – noch nicht. Lieber sitze ich auf meinem Balkon und schaue in aller Ruhe einer Biene zu, die summend von Blüte zu Blüte fliegt.

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Donnerstag, 24. Mai 2012

Glücksmomente

Ich sitze mit dem Laptop auf dem Balkon, die Sonne wandert langsam um die Häuser, bald muss ich den Sonnenschirm aufspannen, sonst wird es zu warm. Aus der Küche weht der Duft von Paprika herüber, die mit frischen Kräutern im Ofen backen. Das Leben, denke ich zufrieden, kann so unfassbar schön sein. Ich brauche Wärme und Licht, um glücklich zu sein, keine große Hitze, das nicht unbedingt, aber einfach dieses heitere, weiche Wetter voller Frühling.

Immer wieder lese ich in Kommentaren und Mails, dass wildfremde Menschen sich Gedanken um mein Seelenheil machen, weil ich in meinen Blogtexten offenbar – ja, wie eigentlich? - so klinge, als müsse man sich gewaltig um mich sorgen. Dann bin ich immer ganz überrascht und wundere mich darüber, welche Wirkung meine Texte erzeugen. Das sind doch nur winzigkleine Ausschnitte aus einem bunten, reichen Leben, Momentaufnahmen, so wie jene vom Frühlingsbalkon. Ich führe ein ganz normales Leben, mit allen Höhen und Tiefen, mit Ängsten und Selbstzweifeln, Verunsicherungen und Verirrungen, klar, auch das. Aber es ist auch ein Leben voller Zufriedenheit, voller Glück, Geborgenheit und Leichtigkeit. Vor allem aber führe ich ein Leben, das ich mir in großen Teilen selbst ausgesucht habe und das mir so, wie es ist, gefällt.

Ich liebe es, mittags auf meinem Balkon zu sitzen, während in den Büros gegenüber emsig und ernst gearbeitet wird. Ich genieße es, an einem heißen Mainachmittag im Schwimmbad in der Sonne zu liegen, während andere Leute kurz davor sind, sich zu Tode zu schuften. Natürlich, der Preis dafür ist hoch: ständige Unsicherheit, gelegentlich bedrückende Existenzangst, erhebliche finanzielle Einschränkungen. Aber im Gegensatz zu den meisten arbeitenden Menschen in diesem Land stehe ich morgens nicht voller Widerwillen auf und denke: Schon wieder so ein gräßlicher Montag, der eine gräßliche Woche einleitet, die von einer weiteren gräßlichen Woche abgelöst wird. Ich habe das viele Jahre erlebt und möchte es nie, nie wieder haben.

Ich genieße es auch, seltsame Affären mit interessanten Männern zu haben. Die letzten zehn Jahre meines Lebens waren – abgesehen von einer längeren Pause, in der ich lächerlicherweise schon glaubte, alles sei vorbei – davon bestimmt, begehrt und geliebt zu werden, aufregende Momente voller Intensität zu erleben, Nähe und Distanz in permanentem Wechsel zu spüren, und vor allem immer wieder neu diesen aufregenden Kick des Neuen, Anderen, Fremden zu genießen.

Das war alles so nicht geplant. Vor zehn Jahren träumte ich noch von Mann, Kindern, Reihenhaus. Aber mein Leben verlief anders. Doch ich bin heute nicht unglücklich darüber. Ich habe in diesen Jahren so viel gelernt, jeder Mann hat mich ein Stückchen weiter gebracht, hat mich näher zu mir selbst hingeführt. Natürlich ist jeder Abschied schmerzhaft und hinterlässt Narben. Natürlich gibt es Augenblicke, in denen ich mit mir selbst und meinem Unvermögen hadere, Beziehungen einzugehen und aufrecht zu halten. Aber wer zweifelt nicht gelegentlich an sich selbst und seinem eigenen Lebensentwurf? Meistens denke ich in letzter Zeit: Ach, was soll's? Im Grunde brauche ich das alles doch gar nicht mehr.

Das, was ich momentan habe, genügt mir vollkommen. Einen Mann, der mich begehrt, mich schätzt, mich auf seine Weise wohl auch liebt, auch wenn er das nie sagt. Obwohl (oder gerade weil) wir manchmal wochenlang nichts voneinander hören, ist da eine sehr intensive, innige Verbindung zwischen uns. Er unterstützt mich beruflich sehr engagiert und bringt mir viel Respekt und Bewunderung entgegen, auch wenn das hier manchmal anders klingen mag. Er erträgt meine Kompliziertheiten und Ängste, genauso wie ich seine Kompliziertheiten und Ängste aushalte. Er hat andere Frauen, ich habe gelegentlich andere Männer. Das ändert an unserem Verhältnis zueinander absolut nichts. Und das ist genau das Spannende an der Sache. Vielleicht geht das ewig so weiter. Vielleicht ist es auch in ein paar Wochen vorbei. Vielleicht begegne ich doch noch mal einem Mann, mit dem ich eine engere Bindung eingehen kann. Wer weiß das schon?

Natürlich gibt es Spannungen zwischen uns, natürlich ist nicht immer alles im Gleichgewicht. Aber es nenne mir jemand auch nur eine einzige Partnerschaft, in der immer alles rund läuft. Und gemessen daran, dass wir überhaupt keine offizielle Beziehung führen, sondern „nur“ eine Affäre haben, lösen wir unsere Konflikte erstaunlich souverän und gehen immer wieder neu aufeinander zu. Das müsste nicht sein. Er hat, wie gesagt, andere Frauen, denen er emotional möglicherweise näher steht, mit denen vielleicht alles viel unkomplizierter läuft als mit mir. Trotzdem stellt er sich jeder Diskussion, die ich eröffne, begegnet er mir immer wieder neu sehr liebevoll und mit viel Verständnis.

Am Wochenende war ich bei Verwandten zu Besuch. Die Eltern haben sich permanent gestritten. Ein Vorwurf jagte den nächsten. Von außen war das schon kaum zu ertragen, ich möchte nicht wissen, wie es innen drin in den Beiden aussieht. Ich kenne solche Zustände, habe sie selbst erlebt, und auch hier sage ich, ähnlich wie beim 9 to 5-Job: Nein, danke! Da mache ich es mir doch lieber in der Sonne gemütlich, habe nicht allen Komfort, nicht allen Luxus, den andere Leute so in ihren Jobs oder Beziehungen genießen, aber dafür bin ich glücklich. Ja, und wenn das nicht immer alles hier haargenau in diesem Blog steht, dann nicht nur, weil vieles hier nicht her gehört, sondern auch, weil ich dazu neige, die grauen Regentage eher festzuhalten als die luftig-leichten Frühlingstage. Dabei überwiegen die genau genommen in meinem Leben.

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Dienstag, 8. September 2009

Herbst

Als ich auf meinem Balkon sitze, denke ich: Ja, das ist schon der Herbst, dieses weiche Licht, die kühle Feuchtigkeit in der Luft, die verblühten, gelblichen Pflanzen. Die zarten Sommerfarben sind flammenden Rottönen gewichen. Beim Spazierengehen kullern mir die ersten Kastanien vor die Füße. Und abends bricht die Dunkelheit mit einer Macht herein, die mich erschreckt.

Ein eigenartiger Sommer war das, voller Arbeit, intensiv, beglückend und anstrengend zugleich. Viele der typischen Sommeraktivitäten habe ich in diesem Jahr nicht gemacht. Keine Zeit. Kein Geld. Ich habe viel geschwitzt, aber nicht in der Sonne, sondern beim Arbeiten. Ich habe auch viel gefroren, ebenfalls beim Arbeiten. Meine beiden Jobs konnten gegensätzlicher nicht sein, der eine fand in stickiger Hitze statt, der andere in dunklen, kühlen Räumen. Der eine war eine stille, einsame Angelegenheit, der andere laut, bunt, hektisch. Am schönsten waren diese Rituale, wenn ich am späten Abend heimkam, noch ein paar Minuten unter den Bäumen im Hof saß, die Hektik der Arbeit abschüttelte, in die Nacht lauschte, bevor ich hinauf ging, mir etwas zu essen machte und mich mit einem Feierabenddrink vor den Fernseher setzte. Das werde ich vermissen.

Jetzt fühle ich mich erschöpft und ausgelaugt. Ich merke, dass ich keinen Urlaub hatte, dass ich ununterbrochen gearbeitet habe, sieben Tage die Woche, teilweise bis spät in die Nacht. Mein Einsatz scheint sich nur teilweise gelohnt zu haben, der Herbst steht voller Unsicherheiten vor mir. Ich fühle mich kraftlos, wenn ich an die Hürden denke, die ich in den nächsten Wochen nehmen muss, und zum ersten Mal seit langem regen sich Zweifel, ob ich wirklich auf dem richtigen Weg bin, ob meine Energie reicht, heil durch den Winter zu kommen.

Die milde Septembersonne malt goldene Lichtflecken auf meinen Balkon. Ich esse Mirabellen, während mich die letzten Wespen des Jahres träge umkreisen. Kein Zweifel, der Sommer ist vorbei.

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Samstag, 18. Juli 2009

Sommer

Auf dem Dach gegenüber werden Dacharbeiten vorgenommen. Ein junger, gut gebauter Arbeiter zieht sich täglich mehr aus: Erst fällt das Shirt, dann das Unterhemd, schließlich wird die lange Jeans gegen eine Shorts eingetauscht. Als ich mich frage, was wohl als nächstes kommt, wird der Dachdecker leider von einer Gruppe Gerüstbauer abgelöst. Immerhin: Die sind auch kein schlechter Anblick.

Am Fischmarkt vergnügen sich zwei Männer direkt vor der Fischauktionshalle miteinander. Sie liegen hinter dem Geländer auf der schmalen Kaimauer. Ständig kommen Leute an ihnen vorbei, die den lauen Sommerabend genießen wollen. Öffentlicher geht es kaum. Ich schaue beim ersten Mal noch neugierig über das Geländer, weil mir der eine so vorkommt, als gehe es ihm nicht gut. Aber die Beiden sind so ineinander vertieft, dass sie mich gar nicht wahrnehmen. Als ich auf dem Rückweg wieder vorbei komme, haben sie die Rollen getauscht, und jetzt ist die Sache auch für mich sehr eindeutig und sehr klar. Einer von ihnen steckt mit seinem Kopf zwischen den nackten Beinen des anderen. Skurrilerweise unterhalten sie sich die ganze Zeit, als würden sie nichts weiter tun, als in Ruhe den Sonnenuntergang betrachten. Ein Mann, der mit seinem Fahrrad vorbei kommt, baut auf dem holprigen Kopfsteinpflaster fast einen Unfall, so sehr scheint ihn diese Szene zu irritieren. Und ich frage mich, wie lange es wohl noch dauert, bis einer von ihnen von der schmalen Mauer in die Elbe fällt.

Ich sitze am späten Abend im Dunkeln auf einer Bank unter den Bäumen im Hof und lausche den Großstadtgeräuschen, die weit weg zu sein scheinen. Dieser Platz ist eine kleine, geschützte Oase, in der ich mich sicher und geborgen fühle. Niemand sonst ist um diese Zeit hier draußen im Hof. Viele Fenster meiner Nachbarn sind weit geöffnet. Hinter einigen brennt Licht. Ich stelle mir vor, wie die Nachbarn vor ihren Fernsehern sitzen oder mit einem Buch im Bett liegen und nicht schlafen können, weil es zu warm ist. Aus einem der Fenster erklingen auf einmal leise Geräusche. Ein klagendes Seufzen wird zu einem hohen, lustvollen Gesang, der immer lauter wird. Sehnsüchtig lausche ich dem Liebesspiel meiner Nachbarn, und einen Moment lang wünsche ich mir, auch dort oben zu sein, Haut zu spüren, Nähe zu fühlen, Lust zu genießen. Ich stehe auf und schlendere noch ein paar Schritte durch den nächtlichen Hof, hellwach und müde zugleich. Eine Katze huscht an mir vorbei und verschwindet zwischen den Büschen.

Es ist Sommer in Hamburg.

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Freitag, 17. April 2009

Frühlingsrausch

Das geht alles viel zu schnell. War gestern nicht noch Winter, mit kahlen Bäumen, Frost und grauem Himmel? Heute ist Sommer. Die Bäume leuchten in frischem, satten Grün, im Gras liegen schneeweiße Blütenblätter neben Frauen in kurzen Kleidern. Ich traue dieser plötzlichen Wärme noch nicht, tausche nur zögerlich die dicke Jacke gegen ein luftiges Shirt, laufe aber weiterhin in Socken und festen Schnürschuhen herum. Jeden Tag, wenn irgendwann unterwegs meine Füße anfangen zu glühen, stelle ich fest, dass ich etwas falsch gemacht habe und schaue neidvoll auf die nackten Füße um mich herum, in leichten Sommerschuhen und mit frisch lackierten Zehennägeln. Doch ich gehe tapfer weiter, die aufsteigende Hitze ignorierend und wohl wissend, dass ich auch morgen keine Sandalen anziehen werde. Also wirklich, wir haben April, wo kommen wir denn da hin, wenn nach dem Winter sofort der Sommer folgt? Es kann doch nicht angehen, dass wir einfach eine Jahreszeit ausfallen lassen, dass wir am einen Tag noch Handschuhe und Wollmantel tragen und am nächsten gar nichts mehr. Dass wir gestern noch Eis kratzen mussten und heute den Sonnenschirm aufspannen. Dass wir vor dem Einschlafen kahle Äste an regennassen, schwarzen Bäumen betrachten und in einem Meer aus hellen, leuchtenden Farben erwachen. Wenn jetzt schon Sommer ist, was machen wir dann im eigentlichen Sommer? Ist dann bereits Herbst? Eine grauenvolle Vorstellung. Ich bin daher sehr dafür, wieder etwas langsamer zu werden und den Frühling festzuhalten. Den Frühling, der unbeständig ist wie ein stürmischer Liebhaber, launisch wie ein altes Weib und voller Sehnsucht wie ein junges Mädchen. Der frostige Nächte bringt und Hagel, Sonnenschein und finstere Wolken. Der die Natur durchschüttelt, noch einmal an den Winter erinnert, um dann nach vorne zum Sommer zu schauen. Aber bitte alles in einem angemessenen Tempo. Ich möchte beobachten können, wie sich Blütenblätter langsam entfalten und nicht eines Morgens feststellen, dass die japanischen Kirschen schon verblüht sind, bevor ich sie überhaupt wahrgenommen habe. Ich möchte zuschauen, wie die Primeln auf meinem Balkon wachsen und gedeihen und nicht in der Wärme kraftlos in sich zusammensinken. Ich möchte Zeit haben für meine Frühjahrsgarderobe und nicht schon nach den Sommerklamotten schielen müssen. Frühling, ja, unbedingt! Aber bitte etwas entschleunigt, dann haben wir alle viel mehr davon.

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Samstag, 13. September 2008

Entsommert

Ich habe meinen Balkon entsommert. Die verwelkten, einjährigen Pflanzen sind in den Müll gewandert und in die leeren Töpfe habe ich Astern und Chrysanthemen gesetzt. Die Kräuterpflanzen habe ich großzügig verschnitten, die Blätter von den abgeschnittenen Zweigen gezupft, feingehackt und eingefroren. Meine ganze Küche war erfüllt von dem intensiven Duft nach Rosmarin, Afrikanischem Basilikum, Thymian, Oregano und Majoran. Wenn ich im Winter diese Kräutermischung aus dem Gefrierschrank hole, dann erinnere ich mich an den vergangenen Sommer, an Wärme und Leichtigkeit, an die vielen Stunden, die ich auf meinem Balkon verbracht habe, lesend, essend, arbeitend, entspannend. Und wenn ich den Tee aus einer Mischung aus getrockneter Pfefferminze, Salbei und Anis-Ysop trinke, dann werde ich mich danach sehnen, abends einfach auf den Balkon zu treten und ein paar Zweige frische Minze zu schneiden, um daraus einen Tee zu zaubern, der nur aus frischen Kräutern so aromatisch schmeckt. Meine kleine Kräuterzucht ist wirklich etwas Feines, wenn nicht gar das Feinste am Sommer. Nun habe ich die erste Phase eingeleitet, um die Pflanzen auf den Winter vorzubereiten. Der Sommer ist endgültig vorbei.

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Donnerstag, 31. Juli 2008

Sommer vorm Balkon

Dies ist der erste Sommer seit vielen Jahren, in dem ich mich nicht in einem urlaubsleeren Büro ohne Aufgaben und Kollegen zu Tode langweile und mir statt zu arbeiten Sinnfragen stelle, wieder und wieder. Damals fühlte ich mich jedoch zu gelähmt, um Antworten zu finden und Entscheidungen zu treffen.

Heute suche ich immer noch nach Antworten, aber auf andere Fragen. Ich bin immer noch auf der Suche, aber ich fühle mich beweglicher, sehe Ziele vor mir, spüre, wie sich Nebel lichten. Ich habe das Gefühl, dass ich täglich der Erfüllung meiner Träume näher komme, in winzigkleinen Schritten, Stillstand und Rückschritte inbegriffen, aber diese schreckliche Lähmung ist verschwunden, diese Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Ich spüre, dass der Aufbruch sich jetzt schon lohnt, obwohl ein sehr hartes Jahr hinter mir liegt und vermutlich noch ein paar weitere harte Jahre vor mir liegen.

Ich genieße die Sommerabende bei langen Spaziergängen an der Elbe. Anschließend sitze ich auf meinem Balkon, betrachte die Kräuterpflanzen in ihren Töpfen, sehe zu, wie sich die Dämmerung sanft über die Stadt legt und merke, wie die Leere in meinem Kopf sich langsam aber sicher mit Ideen füllt. Viele verrückte Ideen tauchen auf, Träume, die ich längst beerdigt glaubte, Wünsche, von denen ich nie dachte, dass ich sie mal haben würde. Ich gebe ihnen Raum und lasse sie wachsen, still und leise.

Mein Herz kommt auch ein wenig zur Ruhe, wenngleich von Gesundung noch lange keine Rede sein kann. Immer wieder nagen die Erinnerungen, beißen um sich, schleudern mir Bilder und Sätze entgegen, mal sanft und zärtlich, Sehnsucht suchend, Vergebung erbittend, mal wütend, schmerzhaft, verzweifelt. Fragen nach dem Warum wechseln sich mit Fragen ab, was ich hätte anders machen können, ob ich überhaupt anders hätte agieren können oder ob das Ergebnis nicht ohnehin von Anfang an fest stand, wie auch immer ich mich verhalten hätte.

Zurück bleibt viel Schmerz, Ratlosigkeit, Erschöpfung. Und Hoffnung. Hoffnung auf die Zukunft, dass sich dort alles fügen wird und sich mein Einsatz lohnt. Ich habe in den letzten Jahren viel riskiert, beruflich wie privat. Bisher scheine ich sehr viel verloren zu haben. Doch ich hoffe, dass ich eines Tages meinen Lohn für all den Mut, all das Engagement, für meinen leidenschaftlichen, aufrechten Gang erhalte. Bis dahin genieße ich einfach weiter den Sommer vorm Balkon und lasse meinen Träumen und Sehnsüchten freien Lauf.

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Donnerstag, 24. April 2008

Kommunikation

Gestern Abend fand ich auf meinem Balkon Verwüstungen vor. Einige Blumentöpfe, ein Teil der Balkonbrüstung und vor allem ein Stuhlkissen waren über und über mit feuchter Erde besprenkelt. Im ersten Moment dachte ich, ein Vogel hätte in einem der Töpfe gewühlt. Doch als ich das Kissen sah, wurde mir klar, dass das ein sehr großer Vogel gewesen sein müsste. Ich schloss Monsterangriffe in meinem Wohnviertel aus, und mit einem genervten Blick nach oben in Richtung Nachbarin sammelte ich alle Stuhlkissen ein und verzog mich ins Haus. Mir war schon den ganzen Tag über aufgefallen, dass vom Balkon über mir Wasser tropfte, auf meinen Blumentöpfen aufprallte und verspritze. Es lässt sich nicht vermeiden, dass Wasser beim Blumengießen über den Rand fließt und obwohl mich die Auswirkungen von oben ärgern, sage ich nichts dazu, weil meine Nachbarin unter mir wiederum vermutlich sehr unter meinem eigenen Hobbygärtnergetue leiden muss und das ebenfalls klaglos hinnimmt. Ein paar Häuser weiter bekam ich mal mit, wie zwei Nachbarinnen sich wegen eben jenes Sachverhalts lauthals von Balkon zu Balkon beschimpften. So weit muss es ja nicht kommen.

Als ich heute Morgen in die Küche kam, fiel mir beim Blick zum Balkon ein Kabel auf, das von oben quer zu den Nachbarn links von mir gespannt war. Bei näherem Betrachten entpuppte sich das Kabel als Paketband, an dessen Ende ein Notizzettel hing. Und bei noch näherem Betrachten entdeckte ich auf dem Zettel meinen Namen. Das Band sollte offenbar auf meinem Balkon landen, war aber durch den Wind nach links abgedriftet. Ich holte es ein und las staunend den kleinen Zettel.
„Liebe Käthe Feinstrick,
ich bin am Einpflanzen – und gebe mir wirklich Mühe, nicht daneben zu krümeln und kleckern. Trotzdem ging bzw. geht etwas daneben. Tut mir leid. Hoffe, es ist nicht so schlimm.
Frau Nachbarin
P.S. Wenn es doch sehr schlimm ist bzw. war, sag mir einfach, was ich tun kann, um es wieder gut zu machen. (ich ziehe das Band morgen Abend wieder hoch).“

Das nenne ich mal eine originelle Kommunikation. Und natürlich ist es schlimm, dass mein Stuhlkissen schmutzig geworden ist, jetzt, wo ich das alles noch mal schwarz auf weiß lese. Das lässt sich nur durch einen extra großen Eisbecher wieder gut machen. Oder durch drei Monate Treppenhausfegen. Oder…. Ich geh dann mal die Antwort schreiben.

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Dienstag, 4. März 2008

Frühling

Dieser Frühling, der sich nicht so recht entscheiden kann, der überraschend ein paar Schneeflöckchen schickt und so tut, als sei er doch noch ein Winter, obwohl es den ja nie so richtig gab, jedenfalls in diesem Jahr nicht, dieser Frühling also, der sich noch so unentschlossen gibt, der vorwärts will, sich aber nicht traut, der all dem Vogelgezwitscher und den blühenden Krokussen und Kirschbäumen und Forsythien nicht glauben mag, der lieber zaghaft auf der Stelle tritt, statt selbstbewusst los zu stürmen und die Welt zu erobern, ganz darauf vertrauend, dass sie ihn liebt, so unbekümmert und jung wie er daher kommt, so frisch und neu, als sei er der erste Frühling, den sie jemals gesehen hat, und ach, diese Farben und der ganze Duft, betörend süß und so leicht, wie ein Windhauch nur im März sein kann, wenn er dem Winter entschlüpft, neckisch und verführerisch, Sehnsüchte weckt und die Fantasie anregt, Kälte und Dunkelheit vergessen lässt, auf dass wir nur noch leben, leben, leben und lieben, ja, auch das, und ach, dieser Frühling, diese Zaghaftigkeit und gleichzeitig diese Sehnsucht nach Leichtigkeit, nach Licht und Wärme, das alles lässt einen glatt vergessen, worüber man eigentlich schreiben wollte, und die Buchstaben springen einfach davon, verstecken sich hinter den ersten Gänseblümchen und den Narzissen, aber das macht gar nichts, denn so kann man einfach hinterher hüpfen und denkt nicht mehr daran, dass es noch mehr gibt im Leben als diese grenzenlose Heiterkeit.

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