Dachboden

Sonntag, 21. Dezember 2008

Fotos

Ich wühle mich durch alte Fotos. Vergilbte, verkratzte, verblichene Papierbilder, Negativstreifen, Dias. Viele Bilder sind unscharf – weil wir alle schlechte Fotografen waren oder weil das Filmmaterial mies war oder wir die Bilder schlecht gelagert haben oder alles zusammen. Viele der Menschen auf den Bildern sind längst tot oder aus anderen Gründen aus meinem Leben verschwunden. Manche der Orte werde ich nie wieder sehen. Andere haben sich so sehr verändert, dass ich mich an ihnen nicht mehr zurecht finde.

Von einer großen Sehnsucht gepackt, möchte ich in die alten Fotos hineinsteigen, an die Orte meiner Kindheit zurück kehren, noch einmal am ersten Schultag die Schultüte in den Armen halten und dabei diesen kuscheligen blauen Nicki tragen, den ich so geliebt habe. Ich möchte mit meinen Geschwistern in unserem alten Haus unter dem Weihnachtsbaum stehen und meinem Vater entgegen grinsen, der uns mit seiner Stimme alle ordentlich in Position bringt und auf Kommando lachen lässt. Ich möchte in der Ostsee plantschen, nur mit einer Turnhose bekleidet, und ich möchte mit meinem kleinen, blauen Rucksack auf dem Rücken durch die Berge wandern, meinem Vater und großen Bruder hinterher, meine Mutter mit den kleinen Geschwistern im Schlepptau. Ich möchte mit meinen Freundinnen in unserem Garten spielen, der einem Dschungel gleicht und für mich der Inbegriff von Glück ist. Ich möchte, dass meine Mutter, die auf manchen Bildern modischer, aber auch ernster aussieht, als ich sie in Erinnerung habe, mein Lachen erwidert und mir nicht so stumm und verschwommen entgegen starrt. Ich möchte ihre Stimme hören und ihre Wärme fühlen.

Es tut mir weh, zu sehen, wie alt diese Bilder sind, wie viele von ihnen wohl für immer ruiniert sind und nur noch in meiner Erinnerung leuchtend klar erstrahlen. Aber wenn ich in sie eintauchen würde, sie zum Leben erwecken könnte, dann würde ich eben nur Altes, Verkratztes, Angeschlagenes sehen und nicht mehr das Neue, Junge, das diese Bilder vor dreißig und mehr Jahren festgehalten haben. Ich weiß, dass diese Bilder viel mehr Wahrheiten erzählen als so manches hochglanzpolierte Digitalbild. Sie erzählen von Vergänglichkeit, vom Wandel der Zeiten und vor allem von einer Vergangenheit, die keineswegs immer nur strahlend und fröhlich war – ganz im Gegenteil. Diese alten, angeschlagenen Bilder sind vielleicht ein viel ehrlicheres Zeugnis meines Lebens als so manche knallbunte Erinnerung in meinem Kopf.

Mittwoch, 5. November 2008

Damals - Die Mauer ist weg

Als 1989 die politischen Ereignisse ganz Deutschland veränderten, saß ich mit meiner Familie in ungläubigem Staunen vor dem Fernseher. Ich dachte an all die Geschichten meiner Eltern, an die Erfahrungen, die ich selbst mit der Grenze gemacht hatte und vor allem an unsere Verwandten im Osten. Was für eine unfassbare Entwicklung! Während mir vor Glück die Tränen in die Augen schossen, als ich im August zusah, wie Tausende Ostdeutscher in Ungarn über die offenen Grenzen gingen, kam mir eine Politikstunde in der Schule in den Sinn, die kein Jahr her war. Wir hatten über die Frage diskutiert, ob es jemals ein wiedervereintes Deutschland geben würde. Ich war mir sicher, dass alles noch hundert Jahre so bleiben würde wie bisher. Mir kamen die Machthaber in der DDR viel zu unnachgiebig und die Bürger viel zu angepasst vor. Wie sehr ich mich doch getäuscht hatte – vor allem, was den Kampfgeist des Volkes anging.

Als am 9. November schließlich die ersten Grenzübergänge geöffnet wurden, waren wir wie im Rausch. Spontan beschlossen meine Schwester und ich einige Tage später, nach Berlin zu fahren. In einem total überfüllten Zug ließen wir uns von der Begeisterung der anderen Reisenden anstecken, die auch alle den Drang verspürten, bei diesen historischen Ereignissen dabei zu sein. In Berlin spazierten wir bei schönstem Herbstwetter an der Mauer entlang, auf der die Grenzsoldaten mit sehr entspannten Gesichtern Wache schoben. Sie scherzten mit westdeutschen Passanten, ließen sich Blumen und Zigaretten hinauf reichen und wirkten wie ausgewechselt – fast so, als falle von ihnen allen eine ungeheure Last ab. Wir schlugen aus der bunt angemalten Mauer ein paar Bröckchen heraus, die ich heute noch besitze, und schauten staunend zu, wie am Potsdamer Platz Mauerelemente beseitigt wurden und ein offener Grenzübergang entstand.

Nur wenige Tage später hatten wir den ersten Besuch aus Ostdeutschland, Bekannte meiner Eltern. Während sie in unserem Wohnzimmer saßen und noch nicht richtig begreifen konnten, was geschehen war, erhielten wir die Nachricht, dass mein Großvater in Sachsen gestorben war. Er war schon einige Wochen ernsthaft krank gewesen und die Sorge um ihn hatte unsere Euphorie überschattet. Ich stellte mir später oft vor, wie er vor dem Fernseher saß und vor lauter Begeisterung über die Öffnung der Grenzen einen Herzschlag erlitt. Ich glaube nicht, dass es wirklich so war, aber diese Art von Tod hätte zu meinem Großvater gepasst, der ein ungewöhnlicher Mann gewesen war – von der Familie verkannt und verschätzt, im Sozialismus nicht fähig, seine Talente frei zu entfalten, aber stets auf eigenwillige Weise unangepasst, mit einem sehr wachen, kreativen Geist, der leider zunehmend verkümmerte.

Wieder reisten wir in die DDR, den Kofferraum voll mit Blumenkränzen und –gestecken, da im Osten gerade ein Mangel an Blumen herrschte und wir im Namen unserer Verwandten gleich mit eingekauft hatten. Die Kontrolle an der Grenze verlief schnell und so freundlich und entspannt wie nie zuvor. Auf einmal war alles anders. Für mich markiert rückblickend nicht der Mauerfall, sondern der Tod meines Großvaters das Ende unserer Familienurlaube in der DDR. Meine Großmutter lebte schon länger nicht mehr, und so wurde das alte, kleine Haus verkauft, in dem ich so manchen Sommer verbracht hatte. Die noch lebenden Verwandten meines Vaters kamen uns nun regelmäßig besuchen. Die Verwandten meiner Mutter kamen nicht. Die Mauer hatte vorher alle zusammen geschweißt. Nun trennte sie auf einmal gerade dadurch, dass sie nicht mehr da war. Ich habe die Orte meiner Kindheit, die Städte, in denen meine Eltern aufgewachsen sind, seit damals nie mehr besucht, obwohl es doch heute so schnell und einfach geht. Es ergab sich einfach nicht. Aber manchmal verspüre ich das Verlangen, diese Orte noch einmal aufzusuchen, zu schauen, wie es dort heute aussieht, in Erinnerungen zu schwelgen und auf Spurensuche zu gehen nach den unbeschwerten Tagen meiner Kindheit, damals, als ich im Garten meiner Großeltern Stachelbeeren erntete und mir im Winter an ihrem Kachelofen den Rücken wärmte. Damals, als es die DDR noch gab.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Damals - Die Mauer ist da

Die deutsch-deutsche Mauer verlief mitten durch meine Familie. Sowohl die Wurzeln meines Vaters als auch die meiner Mutter befanden sich in Sachsen. Der mütterliche Clan war offenbar deutlich freiheitsliebender als der väterliche, denn neben meiner Mutter waren auch fast alle ihre Geschwister bereits in den fünfziger Jahren gen Westen gezogen. Mein Vater und seine Verwandtschaft blieben hingegen, wo sie waren – bis mein Vater bei einer Familienfeier meiner Mutter begegnete. Das war 1960. Es setzte ein reger Briefwechsel zwischen meinem Vater im Osten und meiner Mutter im Westen ein, und nachdem die beiden sich insgesamt nur dreimal gesehen hatten, heirateten sie im Mai 1961. Mein Vater stellte einen Ausreiseantrag, der abgelehnt wurde, weswegen die Braut nach der Hochzeit ihre Heimreise in den Westen alleine antreten musste. Ich frage mich manchmal, wie sie sich damals wohl gefühlt haben muss, voller Sehnsucht und Angst, ob sie jemals eine normale Ehe würde führen können. Mein Vater, der wie gesagt nicht sonderlich abenteuerlustig war, nahm dieses eine Mal allen Mut zusammen und ging für seine Liebste in Berlin illegal über die Grenze – nur wenige Tage, bevor die Mauer kam.

Angst war ein ständiger Begleiter im Leben meiner Eltern gewesen. Sie hatten als Kinder die Nazi-Diktatur erlebt und als Jugendliche und junge Erwachsene die SED-Diktatur. Sie hatten nicht gelernt, offen ihre Meinung zu sagen, sich politisch zu engagieren und ihren Nachbarn zu trauen. Mein Vater durfte als Republikflüchtling acht Jahre lang nicht mehr nach Hause zu seinen Eltern fahren. Als ihm die Einreise in die DDR endlich gestattet wurde, war ich alt genug, um diese Reisen bewusst wahrzunehmen. Sie begannen stets mit dem Antrag auf ein Einreisevisum, das manchmal erst sehr kurzfristig genehmigt wurde. Reisen in die DDR waren kein Urlaub, sondern eine Strapaze. Wir stopften das Auto mit Geschenken voll, in der Hoffnung, dass uns die Grenzer nichts davon abnehmen würden. Wir fuhren immer über den Grenzübergang Helmstedt, und ich sehe jetzt noch die Wachtürme vor mir, die Zäune, den Stacheldraht und die Grenzsoldaten der DDR, die uns mit versteinerten Gesichtern musterten, Marionetten, die nicht zu eigenen Handlungen fähig zu sein schienen. Sobald wir in die Nähe der Grenze kamen, machte sich ein Gefühl der Beklemmung in unserem überfüllten Auto breit. Meine Eltern flüsterten nur noch, als fürchteten sie, dass wir abgehört und verhaftet werden könnten, falls wir laut über diese Zustände lästerten. Bloß nichts Falsches sagen oder tun, lautete ihr oberstes Gebot, während wir uns in endlos langen Autoschlangen im Schneckentempo vorwärts bewegten. Genutzt hat das Flüstern selten was, wir mussten meistens alle aussteigen und nicht selten musste mein Vater schon auf der Hinreise das Auto komplett leer räumen. Unter den Roboterblicken der Soldaten türmten sich Koffer und Taschen auf der Straße und mein Vater, der vor innerer und äußerer Anspannung keuchte, klappte auch noch die Rückbank hoch. Irgendwann war der Spuk vorbei und wir durften alles wieder einräumen und unsere Reise zu Oma und Opa fortsetzen.

Meine Erinnerungen an die Besuche in Sachsen sind die eines Kindes. Ich freute mich auf meine Großeltern und alle anderen Verwandten. Noch heute zählen die Besuche bei ihnen für mich zu ganz besonderen Erinnerungen. Ich sehe meine rußgeschwärzten Füße, wenn wir im Sommer in Sandalen liefen, und meine Mutter, die uns in der Küche meiner Großeltern abends in einer großen Plastikschüssel den Kohlenstaub von der Haut wusch. Es gab zwar ein Badezimmer, aber das war kalt, ungemütlich und vor allem sehr alt. Wir Kinder wuschen uns immer in der Küche. Ich sehe die Kachelöfen und rieche den Gasgeruch vom Herd in der Küche. Ich ernte in meiner Erinnerung Berge von Stachelbeeren und trinke bei meiner Großtante selbstgemachten Apfelmost. Diese Tante hatte ich besonders ins Herz geschlossen. Ihr Haus war gepflegter als das meiner Großeltern und ihr Garten ein Paradies. Ich sehe mich in ihrem eiskalten Schlafzimmer, in dem es keine Heizung gab, unter riesigen Daunendecken versinken und höre mir ihre Geschichten aus Kriegstagen an. Ich sehe uns durch dunkle Straßen fahren, die nur dürftig von Gaslaternen erleuchtet waren und die alten, verfallenen Häuser gespenstisch aussehen ließen. Meine Mutter war jedes Mal aufs Neue bestürzt über den Verfall der Städte, wohl, weil der Kontrast zu unserem gepflegten Umfeld zuhause immer größer wurde. Ich sehe all die Banner an Häusern und Brücken, auf denen mit roter Aufschrift sozialistische Sprüche standen, die das Volk ermutigen und loben sollten. Wir fuhren durch die „Straße des Komsomolzen“ und ich brütete darüber, woher dieser seltsame Name wohl kam. Ich sehe, wie die Blicke unserem Westauto folgten und die Nachbarn uns wie Außerirdische anstarrten, wenn wir in der kleinen Straße vor dem Haus meiner Großeltern parkten. Meine Mutter scheuchte uns ins Haus, um möglichst jedes Aufsehen zu vermeiden. Wir waren anders und etwas Besonderes, aber wir fühlten uns nicht wohl dabei. Nachdem der Zwangsumtausch deutlich erhöht worden war und wir für jeden Aufenthaltstag in der DDR 25 D-Mark in Ostmark tauschen mussten (Kinder nur 7,50), fielen unsere Geschenke noch großzügiger aus. Es gab kaum etwas, das wir für unser Geld im Osten gerne gekauft hätten, und so verteilten meine Eltern das Geld großzügig unter die Verwandtschaft. Dabei entstand eine seltsame Schräglage, denn während meine Eltern in ihrem Alltag keineswegs im Geld schwammen und sehr bescheiden lebten, müssen sie auf unsere ostdeutschen Verwandten wie Millionäre gewirkt haben. Sie fühlten sich überhaupt nicht gut dabei.

Zu meinen DDR-Geschichten gehören auch die vielen Pakete, die wir verschickten. Zu allen Geburtstagen und Weihnachten bekamen alle nahen Verwandten (und das waren so einige) ein Paket, das wir mit all den Dingen füllten, die sie nach eigenen Angaben dringend brauchten bzw. vermissten. Bohnenkaffee und Ananas in der Dose standen ganz oben auf der Liste, gelegentlich auch Kleidung oder Medikamente. Meine Tante schrieb manchmal Produktnamen auf, die wir gar nicht kannten. Sie hatte sie im Westfernsehen aufgegabelt und war besser informiert als wir. Später sagte meine Mutter mal, sie und mein Vater seien nie zu echtem Wohlstand gekommen, weil sie ihr ganzes Vermögen in diese Care-Pakete gesteckt hatten. Da ist sicher was dran. Manchmal kamen die Pakete stark beschädigt beim Empfänger an, manchmal fehlte auch das ein oder andere Teil. Umgekehrt erhielten auch wir Pakete aus dem Osten. Sie waren in graues, hartes Papier gewickelt und mit dicken Bindfäden verschnürt. Wir freuten uns immer darüber und waren immer gespannt auf den Inhalt. Als wir jünger waren, kamen tatsächlich auch oft nette Spielsachen zum Vorschein. Doch mit den Jahren konnten wir mit den Inhalten immer weniger anfangen. Die Bücher stammten von Autoren, die uns fremd waren, und die kunstgewerblichen Sachen waren für unseren Geschmack hässlich. Und doch war uns die Geste wichtig, das Gefühl, miteinander verbunden zu sein, eine Familie zu sein, trotz Mauer. Dieses Gefühl war sehr stark – vielleicht sogar nicht trotz, sondern gerade wegen der Mauer.

Mittwoch, 6. August 2008

In memoriam

Am 3. August wäre mein Vater 78. Jahre alt geworden. Während ich an ihn dachte, erinnerte ich mich an diesen Text, den ich vor genau vier Jahren geschrieben habe. Die wenigen Leser, die damals schon bei mir mitgelesen haben, erinnern sich eventuell ebenfalls daran. Ich finde den Text immer noch stimmig und blogge ihn daher, leicht überarbeitet, heute erneut.


Friedhofsbesuche haben an einem schwülen Augustabend etwas sehr Eigenes. Die Passanten tragen bunte Sommerkleider, auf den Gräbern blüht es in allen Farben, und im milden Licht der Abendsonne wirkt der Friedhof wie ein freundlicher, stiller Park.

An so einem Abend erscheinen Erinnerungen an kalte Januartage seltsam irreal. Es ist kaum vorstellbar, dass man bei Eiseskälte und Nebel hinter einem Sarg herging und an einem offenen Grab stand, einmal, zweimal, noch mal. Jedes Jahr im Januar wieder neu, als sei man dazu verdammt, nun auf ewig zu jedem Jahresbeginn erst einmal Abschied nehmen zu müssen, bevor man mit etwas Neuem beginnen kann. Die Kälte, die durch den ganzen Körper kriecht bis ins Herz, Augen, die blind vor Tränen sind, Einsamkeit, die nie größer war als dort, mitten in der Trauergemeinde – das alles wirkt weit weg, wie aus einem anderen Leben, wenn man sich daran erinnert, während die Augustsonne einem den Schweiß auf die Stirn treibt.

Und man weigert sich, darüber nachzudenken, wie Körper zerfielen und Seelen langsam davon schlichen, jeden Tag ein Stückchen mehr. Man will nicht an Krankenhauszimmer und Pflegeheime denken, nicht an Infusionsnadeln, die sich in ausgemergelte Körper bohren, nicht an schmerzgepeinigte Gesichter und den beißenden Geruch nach Desinfektionsmittel.

Viel lieber wandern die Gedanken zu den schönen Dingen, den heiteren Momenten. Da war zum Beispiel ein Lachen, warm, tief, manchmal prustend vor explodierender Fröhlichkeit. Und ein anderes Lachen, etwas heller, entfesselter, herber. Oder eine Stimme am Telefon. So vertraut. Tausendfach gehört und so fest im Gedächtnis eingebrannt, dass es einem manchmal so vorkommt, als hätte man sie gestern erst zum letzten Mal gehört.

Und je mehr man nachdenkt, desto mehr Worte fallen einem ein. Das hat er gesagt, und nur er. Und das hat sie gesagt, wieder und wieder. Die Worte quellen auf einmal zwischen den üppig blühenden Begonien hervor, sie krabbeln mit den Ameisen auf den Pflastersteinen um die Wette und kriechen an den Buchsbaumblättern empor. Und dann treffen sie auf dieses Lachen, das irgendwo zwischen dem Grabstein und den Rhododendren hängt. Und auf einmal ist da ein Wispern und Flüstern, ein Kichern und Gackern, das weiter wandert von Grabstein zu Grabstein. Es vermischt sich mit dem Zwitschern der Vögel und den Stimmen der Passanten, die mit Gießkannen in der Hand vorbei kommen. Es streicht sanft um einen herum, wischt Tränen fort und begleitet einen nach Hause, tröstend und fürsorglich an Liebe erinnernd, die immer noch da ist. Nur nicht mehr so greifbar wie früher.

Und man denkt, dass die Erinnerung selten lebendiger und fröhlicher war als an einem Augustabend auf dem Friedhof, wenn die Sonne weiche Schatten zeichnet und die Stille Geschichten erzählt.


© Käthe Feinstrick 2004

Montag, 14. Juli 2008

Mitternachtsgedanken

Mir geht grade sehr, sehr viel und noch viel mehr durch den Kopf. Ich weiß gar nicht, welchen Gedankenfetzen ich mir zuerst schnappen soll, um ihn festzuhalten und näher zu betrachten. Vielleicht liegt es an der Übermüdung und ich sollte erst mal schlafen gehen, bevor ich weiter denke. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass manches zu viel ist und keinen Platz mehr in meinem Kopf hat.

Nur eins weiß ich mit großer Gewissheit: Es ist wundervoll, dass es Menschen gibt, die meine Sprache sprechen und deren Herz im selben Rhythmus tickt wie meines, die Gesellschaften als gruselig entlarven, die andere Leute normal finden und die mir helfen, mich wieder zu erden und zu erkennen, dass ich ich bin und mein Weg ein ganz anderer ist. Es ist gut, Freunde zu haben, die auch mal Klartext reden, denn den Mut zur Wahrheit finden nur Wenige.

Alles weitere dann morgen oder später oder gar nicht.

Sonntag, 6. Juli 2008

Starke Frauen

Meine Familie hat sehr starke Frauen hervor gebracht. Äußerlich betrachtet lebten und leben wir Feinstrick-Frauen recht angepasst. Keine von uns ist je durch Extravaganzen aufgefallen, hat ihr bürgerliches Leben aufgegeben, ist gegen den Strom geschwommen. Doch bei genauem Hinsehen geht jede einzelne ihren Weg und verfolgt unbeirrt ihre ganz persönlichen Ziele.

Da ist zum Beispiel Else, die Mutter meiner Mutter. Sie gehörte einer Generation an, der das Leben viel Disziplin und Härte abverlangte. 1908 geboren hat sie zwei Kriege miterlebt, Hungersnöte, Diktaturen und Besatzungsmächte. Ihr Vater war ein einfacher Mann, der mit einem großen Korb auf dem Rücken zu Fuß durch die Dörfer seiner sächsischen Heimat zog und Wäsche und Stoff verkaufte. Else musste ihm als junges Mädchen bei dieser schweren Arbeit zur Hand gehen. Durch viel Fleiß erlangte ihr Vater einen bescheidenen Wohlstand und gründete eine Bettfedernreinigung, in der er auch Bettwäsche, Handtücher und Nachtwäsche verkaufte.

Else heiratete mit 19 Jahren Karl, einen um viele Jahre älteren Standesbeamten. Vor der Ehe ging sie ein halbes Jahr auf eine Hauswirtschaftsschule, um Kochen und Nähen zu lernen, damit sie ihrem Mann in Vollendung den Haushalt führen konnte. Karl war „ein stattlicher Mann“, wie Else stets zu sagen pflegte. Ihr Leben lang sprach sie voller Achtung und Respekt von ihm. Ob sie ihn aus Liebe geheiratet hat, oder nur, weil er eine gute Partie war, weiß ich nicht, aber sicher ist, dass die beiden für damalige Verhältnisse eine gute Ehe führten. Die junge Frau betete ihren Mann an und ordnete sich vollkommen seinen Wünschen und Bedürfnissen unter. Dennoch blieb sie eine eigenständige Frau, die nicht nur vier Kinder in schweren Zeiten groß zog, sondern auch im Geschäft ihrer Eltern tatkräftig mithalf.

Den Krieg überstand die Familie einigermaßen gut, da ihr kleiner Ort nicht so im Fokus von Bombenangriffen lag wie etwa Leipzig oder Dresden. Dennoch hat meine Mutter viel von den Nächten im Keller erzählt, wenn Fliegeralarm herrschte und die Familie stundenlang Rommee spielte, um sich abzulenken. Wie Else diese Nächte empfunden hat, weiß ich nicht. Sie erzählte nur von den ganzen Hühnern und Ziegen, die ihr Vater im Hof hielt und schlachtete, um die Familie zu ernähren und davon, wie sie ihre Wertsachen und alles, auf dem ein Hakenkreuz abgebildet war, im Garten vergruben, als nach dem Krieg die Russen kamen.

Die Russen beschlagnahmten das komplette Haus und zwangen die Großfamilie, die hier mit mehreren Generationen unter einem Dach lebte, für einige Jahre in eine kleine Etagenwohnung umzusiedeln. Else erzählte gerne, wie der russische Kommandant sie eines Tages zu sich rief und sie voller Angst diesem Befehl nachkam. Sie fürchtete das Allerschlimmste, doch die russischen Soldaten wollten, wie sie erzählte, lediglich, dass sie ihnen Bratkartoffeln briet. Das war nun etwas, was meine Großmutter auch unter Zwang perfekt konnte. Falls der russische Kommandant doch noch mehr von ihr verlangte als ein schmackhaftes Essen, so hat sie das ganz tief in ihrem Inneren verschlossen und ihr Leben lang für sich behalten.

Sie verfügte über eine enorme innere Stärke, die ihr half, sich nie unterkriegen zu lassen. Im Hungerwinter 1946, als auch ihr Vater keine Tiere mehr zum Schlachten hatte, gingen Else und Karl hamstern. Bei Schnee und Eis zogen sie zu Fuß über die Dörfer und bettelten den Bauern ein wenig Nahrung ab. Einmal brach Karl, vom Hunger gezeichnet, auf dem Heimweg erschöpft zusammen. Er wollte seinen schweren, gut gefüllten Rucksack in einen Graben werfen und aufgeben. Da lud sich Else, die eine kleine, damals wohl auch recht zierliche Frau war, seinen Rucksack auch noch mit auf und trug die zentnerschwere Last alleine heimwärts.
„Zuhause warteten doch meine Kinder, und die hatten Hunger“, erklärte sie schlicht, wenn sie diese Geschichte erzählte.

Das Leben schenkte ihr auch in Zukunft nichts. Ihr Mann verlor seine Stelle, später wurde auch das Geschäft der Eltern enteignet. Die innerdeutsche Grenze trennte sie von ihren drei ältesten Kindern, die jüngste Tochter starb mit Anfang dreißig. Doch Else verlor nie ihre Zuversicht und ihren Glauben an das Leben. Als Karl starb, war sie gerade sechzig. Statt sich in das Leben einer alternden Witwe zu fügen, fing sie noch einmal ganz neu an. Sie verkaufte das Haus, in dem ihre Kinder aufgewachsen und ihre Eltern und ihr Mann gestorben waren, und übersiedelte von Sachsen in den Schwarzwald. Dort verwaltete sie fast 25 Jahre lang mit der ihr eigenen Disziplin und Energie ein Apartmenthaus mit Ferienwohnungen. Sie blieb bis ins hohe Alter eine Dame, die immer perfekt frisiert und adrett gekleidet war, die es verstand, sich so, wie sie es von ihrem Vater gelernt hatte, ihr Leben zu organisieren.

An ihrem großen dunklen Eichentisch im Esszimmer standen sechs Stühle, jeweils zwei breite Stühle mit Armlehnen an den Stirnseiten und kleine, schmalere Stühle ohne Armlehnen an den Längsseiten. Auf den Lehnstühlen mussten immer die ältesten Männer der Familie sitzen – mein Onkel, mein Vater, mein großer Bruder. Ihnen brachte Else den meisten Respekt entgegen. Dann erst kamen wir Frauen und Mädchen an die Reihe. Die äußere Unterordnung unter das Patriarchat war für Else alles andere als ein Gefängnis. Sie verschaffte ihr finanzielle und emotionale Sicherheit, aus der eine kleine, innere Freiheit erwuchs, die Else zu einer starken, unabhängigen und auch sehr zufriedenen und dankbaren Frau machte. Sie fügte sich nicht nur dem Willen der Männer, sie verstand es auch perfekt, sie für ihre Bedürfnisse einzuspannen. Bis ins hohe Alter hatte sie immer Männer um sich herum, die ihr zur Hand gingen und alles für sie machten, was sie nicht alleine konnte oder wollte. Als Belohnung für ihre Dienste durften die Männer dann auf ihren großen Lehnstühlen sitzen, was fast einem Ritterschlag gleichkam.

In dem Winter vor ihrem 87. Geburtstag wurde Else sehr krank. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie nicht mehr in der Lage, sich alleine zu versorgen. Ein paar Wochen lebte sie bei meinen Eltern und ich sehe sie noch vor mir im Nachthemd auf dem Bett sitzen, die langen, grauen Haare offen auf ihre Schultern fallend. Ich hatte nicht gewusst, dass ihre Haare, die sie immer kunstvoll hochgesteckt hatte, so lang waren. Einmal sah ich sie auf der Toilette sitzen, mit einem fast kindlichen Lachen winkte sie mir durch die offene Tür zu. Da wusste ich, dass meine Großmutter, die ihr Leben lang sehr schamhaft gewesen war und alles Intime vor anderen Menschen verborgen hatte, ihre Würde und damit auch ihr Leben verloren hatte. Es dauerte nicht mehr lange, bis sie starb.

In diesem Jahr wäre Else 100 Jahre alt geworden. Meine Mutter hatte ihre innere Stärke geerbt und es damit sogar geschafft, im Laufe ihres Lebens auch äußere Grenzen zu überwinden. Ich glaube, dass ich ebenfalls über diese Stärke verfüge, obwohl ich mich immer wieder klein und ängstlich fühle. Aber ich gehe unbeirrt meinen Weg, egal wie steinig er oft ist, und ich lebe alles andere als ein konventionelles Leben. Eins könnte ich allerdings noch von meiner Großmutter lernen: Mich nicht immer nur dem Diktat von Männern zu beugen, sondern den Spieß auf elegante, unauffällige Weise umzudrehen und Männer für meine eigenen Zwecke einzuspannen, um komfortabler und bequemer leben zu können. Aber vielleicht braucht man so einen symbolischen Thron wie die Stühle meiner Großmutter, um eine echte Königin zu werden, wer weiß.

Sonntag, 15. Juni 2008

Gespenster

Glider Gestern machte ich einen Ausflug in die Vergangenheit. Ich fuhr hinaus aus der Stadt, an einen Ort, an dem ich seit vielen Jahren nicht mehr gewesen war. Ich ging Wege entlang, von denen mir einige so vertraut waren, als hätte ich sie gestern zuletzt betreten, andere kamen mir fremd vor. Ein paarmal verirrte ich mich, einmal so sehr, dass ich eine ganze Weile durchs Gebüsch kriechen musste. Aber das lag vielleicht daran, dass ich von meinen alten, vertrauten Routen abgewichen war und neue Wege gewählt hatte. Das verwirrte wohl meinen ohnehin schlecht ausgeprägten Orientierungssinn.

Mein Hund sprang um mich herum. Er flitzte vor mir her, entzog sich immer mal wieder meiner Kontrolle und ließ mich nervös umherschauen, ob auch niemand kam und der Hund keinen Schaden anrichten konnte. Dann nahm ich ihn an die Leine, ich spürte das weiche Leder zwischen meinen Fingern, den Zug der Laufleine, den Ruck in meiner Schulter, wenn der kleine Kerl abrupt stehen blieb und noch mal drei Meter zurück lief, weil er eine ganz heiße Spur entdeckt hatte. Meine Schwester stand oben an einem sandigen Abhang, der in die Heide hinunter führte. Sie winkte mir zu, bevor sie den Hund losließ und er aus purer Lust am Laufen diesen Hang hinunterflitzte, schneller, immer schneller, wie eine kleine Kugel auf Beinen. Am Segelflugplatz stand mein Vater und schaute den Flugzeugen hinterher, die mit leisem Surren am Himmel ihre Kreise zogen. Mein großer Bruder stapfte durch den Matsch und fluchte, weil er die falschen Schuhe angezogen hatte. „Immer, wenn ich herkomme, ist schlechtes Wetter“, sagte er und klang so beleidigt, als ob die kühle Luft und der Regen ihn persönlich angegriffen hätten. Mir machte der Regen nichts aus. In Gummistiefeln und mit einem großen Schirm bewaffnet, genoss ich die Stille im Wald. Bei diesem Wetter war ich hier mit dem Hund und meinen Gedanken alleine. Der Wind trug die Stimme meiner Mutter von unserem Haus herüber. Sie ermahnte meinen kleinen Bruder, sich zu beeilen, damit er den Bus nicht verpasste. Er hörte nicht auf sie, las stattdessen lieber weiter seine Zeitschriften, bis der Bus ohne ihn abfuhr und meine Mutter sich verärgert ins Auto setzte und ihn wohin auch immer fuhr. Später deckte sie auf der Terrasse den Kaffeetisch und servierte uns ihren selbstgebackenen Apfelkuchen.

Feine Regentropfen fielen auf meine Brille und ließen meinen Blick verschwimmen. Eine Familie mit vier Kindern spielte im Heidekraut am Rand des Flugplatzes. Sie erinnerte mich an meine eigene Familie und ich blickte mich suchend um, doch alle waren verschwunden, der Hund, meine Eltern, meine Geschwister. Ich nahm die Brille ab und wischte die Gläser trocken. Als ich wieder klar sehen konnte, hatte der Regen aufgehört. Die Segelflieger kreisten immer noch am Himmel. Die Luft roch würzig nach Kiefern und feuchter Erde. Die fremde Familie begab sich auf den Heimweg, und meine Schuhe gruben sich in den dunklen Sandboden. Ich fühlte mich einen Moment lang sehr verloren, denn mir wurde bewusst, dass meine eigene Familie fast nur noch aus Gespenstern besteht.

Meine Eltern sind schon lange tot, der Hund auch. Mein großer Bruder hat mit der Vergangenheit, mit uns gebrochen. Ich weiß nicht, wo und wie er lebt. Mein jüngerer Bruder lässt sich heute von seiner Frau zur Eile antreiben (was sie genauso wenig schafft wie damals meine Mutter) und meine Schwester spielt inzwischen nicht mehr mit mir und dem Hund, sondern mit ihren eigenen Kindern. Und ich? Ich bin die Hüterin meiner Familiengeschichte, die Einzige von uns allen, die gelegentlich an alte Orte zurück kehrt, die Erinnerungen lebendig hält, die bewusst all dem nachspürt, was damals war, an Schönem, aber auch an Schrecklichem. Ich berufe immer mal wieder den Familienrat ein, und dann kommen sie alle und versammeln sich mit mir an diesen vergessenen Orten, sie bringen mich zum Lachen und zum Weinen und wecken eine große Sehnsucht in mir. Ich bin dankbar, dass ich das alles hatte und wehmütig, dass es nun vorbei ist.

Ich warf einen letzten Blick auf meine Vergangenheit, stieg in den Bus nach Hause, und während Wald und Heidelandschaft immer mehr der Großstadt wichen, machte sich eine zufriedene Erleichterung darüber breit, dass ich im Jetzt und Hier lebe und nicht in der Vergangenheit stehen geblieben bin, so kostbar auch all die Erinnerungen sind, und so traurig sie mich gelegentlich stimmen.

Donnerstag, 22. Mai 2008

Samstage

Ich werde wohl alt. Vielleicht erlebe ich aber auch nur zu wenig. Jedenfalls schwelge ich in letzter Zeit ständig in Erinnerungen. Da gehe ich zum Beispiel an einer frisch gemähten Wiese vorbei, und als mir der Geruch des geschnittenen Grases in die Nase steigt, sehe ich schlagartig den sommerlichen Garten meiner Kindertage vor mir. Ich sehe und fühle, wie ich barfuss durchs feuchte Gras laufe, Kränze aus Gänseblümchen und Löwenzahn winde, mich in einer geheimen Ecke zwischen den Johannisbeersträuchern verstecke, wo das Gras ganz weich und besonders grün ist und ich das Gefühl habe, dieser Garten sei so groß wie das Universum.

Ich sehe meinen Vater, der ein weißes, kurzärmeliges Hemd und eine braune, ausgebeulte Cordhose trägt und sich mit dem gelben Handrasenmäher durch diesen Dschungel kämpft. Heute ist mir klar, dass das eine echte Strafarbeit war und jeden Gang ins Fitness-Studio ersetzte. Damals fand ich es völlig normal. Wir Kinder spielten dann Bauer, halfen beim Zusammenharken des geschnittenen Grases und beluden den Hänger des roten Traktors meines Bruders damit. Obwohl wir eigentlich schon zu groß für dieses Gefährt waren, stritten wir darum, wer sich auf den Traktor setzen und ihn fahren durfte. Das war allerdings gar keine echte Freude, weil man auf der unebenen Wiese kaum voran kam und kräftig in die Pedale treten musste. Ich weiß nicht, wie viel Zeit nach dem Einzug in dieses Haus mit dem großen Garten verging, bis meine Eltern auf die Idee kamen, einen Motor-Rasenmäher zu kaufen. Der machte einen Höllenlärm und stank nach Benzin, erleichterte die Arbeit aber erheblich. Der Rasen wurde immer Samstags gemäht, denn unter der Woche kam mein Vater zu spät von der Arbeit nach Hause und die Sonntage waren natürlich tabu.

Auto waschen war auch eine Samstagsbeschäftigung. Wenn meine Eltern das Geld für die Waschanlage sparen wollten, wurde der knallorange Passat mit dem Gartenschlauch abgespritzt und anschließend blank poliert. Ich glaube, Autos interessierten mich schon damals nicht besonders, denn ich erinnere mich nicht daran, dass ich mich an diesen Autowaschaktionen beteiligte. Die überließ ich meinen Geschwistern.

Eine andere Aufgabe fand ich nicht nur langweilig, ich hasste sie. Das war das Säubern unseres Grundstückes von Müll. Wir wohnten an einem zentralen Ort, neben einer Schule und einer neu gebauten Sportanlage, und an unserem Haus gingen viele Menschen vorbei. Nicht nur die Autos, die ständig unser Gartentor zuparkten (es dauerte Jahre, bis die Gemeinde reagierte und ein Halteverbot in dem kleinen Fußweg einrichtete), nervten uns. Die Leute schmissen auch ständig Abfälle in die Hecke, die unseren Garten begrenzte. Und wir durften dann Zigarettenkippen, Getränkedosen und Verpackungen aller Art wieder einsammeln. Auch das war natürlich eine Samstagsbeschäftigung.

Wir Kinder gingen Samstags zur Schule und mein Vater musste oft arbeiten. Von daher fing das Wochenende für uns immer erst am Samstagnachmittag an. Wir verbrachten die Wochenenden grundsätzlich in der Familie. Samstags gab es diese ganzen Pflichtaufgaben und Sonntage waren heilige Tage, an denen der Gang in die Kirche und viel, viel Langeweile dominierten. Wir durften uns am Wochenende nicht mit Freunden verabreden, weswegen die Langeweile manchmal besonders unerträglich wurde. Einen Fernseher hatten wir viele Jahre lang nicht, und wenn ich mir heute Kinder ansehe, frage ich mich manchmal, wie das eigentlich ging, so ein ganzes Wochenende ohne Fernseher und ohne Freunde zu verbringen. Aber wir waren wohl einfach kreativer als viele Kinder es heute sind. Kreativer einerseits, von mehr Regeln eingezwängt andererseits.

Ich bin froh, dass es viele dieser Regeln für mich und auch für heutige Kinder nicht mehr gibt. Und so schön die Erinnerungen sind, so viel Sehnsucht sie manchmal auslösen, nach Menschen, nach Augenblicken, nach Orten, so wenig möchte ich doch wirklich in diese Zeit zurück kehren. Ich möchte mich nur an sie erinnern als einen Teil meines Lebens, der mich zu dem gemacht hat, was ich bin, der meine eigene Geschichte ist, die aus vielen winzigen Momenten in meinem Kopf zu einem bunten Ganzen verschmilzt, das ich wie einen kostbaren Schatz in mir trage.

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