Treppenhaus

Sonntag, 23. Oktober 2011

Tolldreist

Träume zu haben, ist eine feine Sache. Darauf zu spekulieren, sie auf Kosten anderer verwirklichen zu können, ist hingegen weniger fein. So verschlug es mir ganz schön die Sprache, als, wenn auch aus zweiter Hand, die Bitte an mich herangetragen wurde, meine Wohnung mit einer anderen Wohnung in dieser Straße zu tauschen. Grund des seltsamen Ansinnens: Mein Nachbar will seine Wohnung dauerhaft untervermieten, und die tolldreisten Damen, die dafür in Frage kommen, hätten gern mehr Platz – der sich wunderbar erzielen ließe, wenn meine Wohnung mit des Nachbars Wohnung zusammengelegt würde. Ich solle daher, so der Plan, in die jetzige Wohnung einer der Damen ziehen. Diese Wohnung hat zwar den gleichen Grundriss wie meine, liegt aber sehr nah an einer großen Straße und hat außerdem keine Dielenböden, sondern Linoleumbeläge. Davon ganz zu schweigen, dass ich seit vielen Jahren hier im Haus lebe, alle Nachbarn kenne und weiß, auf wen ich mich im Ernstfall verlassen kann. Das ist fast noch mehr wert als eine ruhige Lage und schöne Holzböden. Es versteht sich natürlich von selbst, dass ich ohne zu zögern laut und vernehmlich Nein zu diesem absurden Ansinnen sagte. Interessanterweise stammen solch dreiste Pläne übrigens gern von Leuten, die sehr sozial, politisch korrekt und wahnsinnig engagiert tun. Nein, nein und nochmals nein!

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Samstag, 16. Juli 2011

Trunkenheit

Wir sitzen auf dem Balkon. Es riecht seltsam, irgendwie faulig, das fällt mir hier immer wieder auf, wo kommt das nur her, ist doch alles total kahl und nackt, da kann nichts faulen. Ich vermisse meine üppig wuchernden Pflanzen, den kleinen Dschungel, den ich mir herangezogen habe. Bei mir ist es eindeutig schöner.

Aber bei mir bin ich allein. Hier sitze ich mit Nachbar und Freundin. Er weigert sich auch nach einem Jahr noch, von einer Beziehung zu reden. Sie lächelt nachsichtig, zieht an ihrer Zigarette und macht mir allein durch ihre Blicke klar, dass sie alles im Griff hat – sich, ihr Leben, und ihn auch. Lächerlich, scheint sie zu sagen, diese Männer mit ihren Macken und Beziehungsängsten, ich nehme mir einfach, was ich brauche, ohne dass sie es groß merken.

Ich bin beeindruckt. Wo ist bloß meine eigene Stärke geblieben? Das eine Bier benebelt mich zu meiner Überraschung komplett, ich habe noch nicht viel heute gegessen, daran wird es liegen. Und dass ich mir am liebsten auch eine Zigarette nehmen würde, wundert mich auch nicht weiter. Irgendwie bin ich zurzeit einfach komplett neben der Spur.

Er hat sich inzwischen gemeldet, nachdem ich noch mal nachgehakt habe. Seine Botschaft ist kryptisch und widersprüchlich. Einerseits fand er alles großartig mit mir. Andererseits möchte er momentan seine Ruhe haben. Ich bin verwirrt. Nach zehn Tagen Schweigen hätte er sich nicht mehr melden müssen, das wäre ganz leicht für ihn gewesen. Aber er hat es doch getan, und sogar sehr liebevolle Worte gefunden. Ich hänge trotzdem in der Luft und weiß nicht, woran ich bin. Braucht er diese Ruhe für zwei Wochen oder zwei Monate? Und hat er mich dann vielleicht doch gänzlich vergessen? Was ist schon eine Nacht? Die Erinnerung verfliegt schnell, man geht einfach weiter, und ehe der Sommer rum ist, hat man die kleine Affäre längst abgehakt.

„Geh raus aus dieser passiven Rolle“, raten mir die Nachbarn einstimmig. „Sieh zu, dass du eine verbindliche Antwort kriegst, wie es weiter gehen soll mit euch, oder mach für dich einen Haken dran.“ Ich nicke verschwommen. Wir glotzen über die Balkonbrüstung, beobachten die Passanten und tratschen ein wenig über die Nachbarschaft. Der Himmel ist grau, aber es regnet wenigstens nicht und ist warm genug, um noch draußen zu sitzen. In diesem seltsamen Sommer muss man für die kleinsten Dinge dankbar sein.

Ich erinnere mich an all die Jahre, die ich in stiller Zurückgezogenheit ohne jeglichen Kontakt zu Männern verbracht habe, voller Sehnsucht und mit der wachsenden Furcht, dass sich daran nie wieder etwas ändern würde. Und ich denke, dass dieser Sommer gemessen daran eigentlich ein guter ist. Ich trinke mein Bier aus und wanke quer über den Flur heimwärts, trunken vom Leben.

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Dienstag, 12. April 2011

Freiheit

Ich erzähle der weltbesten Schwester von ihm. Sie reagiert sehr gelassen. „Ach, weißt du“, sagt sie, „das klassische Familienmodell ist doch für dich längst durch. Kinder wirst du nicht mehr kriegen, also ist es völlig egal, wie du lebst.“ Ich staune, wie sie es mal wieder in ihrer nüchternen Art schafft, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Ich fühle mich plötzlich seltsam entspannt, denn genau so ist es tatsächlich: Das, was ich ein Leben lang gesucht und gleichzeitig wie die Pest gemieden habe, werde ich aus Altersgründen nicht mehr erreichen. Also macht es auch keinen Sinn mehr, diesem traditionellen Leben mit Mann, Kindern, Reihenhaus und Kanarienvogel weiter nachzujagen. Das empfinde ich als ungeheuer entlastend. Auf einmal ist alles erlaubt und alles möglich.

Und dann ist er wieder da. Wir küssen und herzen uns so stürmisch, dass in meinem Flur ein Leuchter von der Wand fällt. Ich freue mich, dass er sich genauso über das Wiedersehen freut wie ich. „Kalt ist es hier“, sagt er. „Und die Leute sind alle so unfreundlich. Wie schrecklich.“ Ich strahle ihn zum Ausgleich besonders warm und herzlich an. Wir gackern und reden wie aufgedreht, er fragt mich Sachen, die ich überhaupt nicht wichtig finde, aber ich weiß selbst nicht, was wichtig genug ist, um es als Erstes zu erzählen. Er erzählt von der Frau, die ihn auf seiner Reise ganz überraschend begleitet hat, ich höre es mit einem leisen Stich, aber ich muss auch zugeben, dass er gut aussieht, entspannter und irgendwie verändert. Offensichtlich tat ihm seine lange Reise gut. Und die Frau wohl auch. „Und wie steht es mit deinen Männern?“ fragt er und beugt sich neugierig vor. Ich erzähle von meiner sexuellen Wiederbelebung, meinen Affären in den letzten Monaten, und vor allem von ihm. „Das klingt richtig gut“, sagt er, und ich nicke zufrieden.

„Bei uns funktioniert es nur, weil ich keinerlei Druck verspüre“, erklärt er das Arrangement mit seiner Liebsten. „Wenn sie mich festbinden will, bin ich sofort weg.“ Wieder mal denke ich, dass wir uns in unserer Bindungsangst seltsam ähnlich sind, obwohl meine ganz andere Formen hat. Ich wollte immer etwas ganz Festes und suchte mir dann doch ständig Männer, mit denen das gar nicht ging. Aber auf einmal empfinde ich das nicht mehr als Makel, sondern als Geschenk. Ich denke an die Worte meiner Schwester, als ich sage: „Ich genieße diese Freiheit sehr.“ Und er lacht: „Ich auch. Es gibt einfach so viele tolle Frauen.“ Das vergangene halbe Jahr schmilzt zwischen uns dahin, es ist so, als sei er nie weggewesen. Ich weiß, er wird nichts mit mir anfangen, dafür ist er zu monogam, und ich bin auch anderweitig genug beschäftigt, aber ich habe das Gefühl, dass unsere Freundschaft eine neue Qualität erhält. Wie schön!

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Dienstag, 1. März 2011

Mein Lieber,

nun bist du schon bald fünf Monate fort. Irgendwann im Laufe des Frühlings kommst du zurück – vermutlich randvoll mit Eindrücken, Erinnerungen, Gefühlen von einem halben Jahr am anderen Ende der Welt. Deine seltenen Mails klingen ganz nach dir: fröhlich und nachdenklich zugleich. Auf den Fotos sehe ich dich lachend inmitten strahlender Menschen. Es geht dir gut, das merke ich. Und ich merke auch, wie sehr ich dich vermisse. Seltsam, dass man Kostbarkeiten oft erst richtig zu würdigen weiß, wenn sie nicht mehr verfügbar sind.

Unser Miteinander war für mich so selbstverständlich geworden. Du warst in den letzten Jahren immer da, wenn ich dich brauchte, unkompliziert und schnell. Und ich war für dich da. Nachbarschaftskontakte sind anders als freundschaftliche, selbst dann, wenn aus ihnen irgendwann Freundschaften werden. So wie bei uns. Du marschierst auch dann durch meine Wohnung, wenn sie total unaufgeräumt ist. Du siehst mich, wenn ich meine ältesten Klamotten trage und ungeschminkt und ungekämmt bin. Wenn ich eine so fette Erkältung habe, dass ich kaum aus den Augen schauen kann. Wenn ich müde und traurig bin und eigentlich mit gar niemandem reden mag. Warum das so ist? Weil du immer unangemeldet vor meiner Tür stehst – wäre ja auch albern, anzurufen, wo wir doch Wand an Wand leben. Und weil ich dich in der Regel auch immer reinlasse, spontan und unvorbereitet. Du machst das umgekehrt auch. Ich habe da nie drüber nachgedacht, bis du mal gesagt hast, wie toll du das findest. Manchmal denke ich, dass es im Grunde für so bindungsscheue Wesen wie uns nichts Tolleres gibt, als in getrennten Wohnungen und doch miteinander zu leben. Aber das mit der gemeinsamen Beziehung kriegen wir trotzdem nicht hin, und vielleicht ist das auch gut so.

Jetzt brüte ich über der Antwort auf deine letzte Mail, denn ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, was ich erzählen soll. Hier passiert so wenig. Die Highlights der letzten Monate waren Schneemassen im Dezember, der Abriss eines alten Kaufhauses und die Abwahl des Bürgermeisters. Das sagt eigentlich alles. In meinem Privatleben passiert fast noch weniger. Ich ringe mit sperrigen Aufträgen, die viel Arbeit, aber wenig Geld bringen. Immerhin habe ich Aufträge, das ist die gute Nachricht. Der Winter ist so im Nichts verschwunden. Und im Schnee. Jetzt ist schon fast Frühling. Heute habe ich meine Balkonkästen von Heidekraut und Tannenreisig befreit und gestaunt, wie weit die grünen Spitzen der Tulpen schon heraus schauen. Aber mir kommt das alles viel zu früh vor, zu schnell, zu unwirklich. Ich komme mit dem Tempo nicht mehr mit. Fünf Monate bist du fort, und ich denke: Das war doch erst gestern, als ich dir hinterher gewinkt habe. Fünf Monate, in denen ich einfach nur gelebt habe, mal leiser, mal lauter. Fünf Monate, die sich in Luft aufgelöst haben, so wie sich die nächsten fünf Monate in Luft auflösen werden, und es in den Balkonkästen Herbst wird, bevor ich überhaupt verstanden habe, dass Sommer war.

Was kann ich dir erzählen aus meinem kleinen Leben? Dass es darin wieder von Männern wimmelt? Ja, ich muss es ja immer gleich übertreiben. Jahrelang keiner und dann geht gleich alles drüber und drunter. Normal war bei mir noch nie etwas. Aber bei dir ja auch nicht. Du philosophierst in deiner Mail über den Unterschied zwischen Beziehungen und Affären, brichst aber mittendrin ab: „Das erkläre ich dir am besten in Hamburg.“ Darauf freue ich mich! Mit dir auf meinem Balkon sitzen, ein Bier trinken, die Abendsonne genießen und über das Leben und die Liebe reden. Wie wir es schon so oft gemacht haben. Eigentlich ist es das, was ich dir am liebsten schreiben möchte: Dass ich mich total auf dich freue. Und dass ich Angst vor dem Gedanken habe, du könntest nur vorübergehend zurückkehren, weil du Geschmack gefunden hast an dem ganz anderen Leben, das du jetzt führst. Was soll ich auch über meine Männer und verrottete Kaufhäuser und Balkonpflanzen schreiben? Das alles hat doch in deiner Welt im Moment gar keinen Platz. Es ist nur ein Zeichen dafür, wie klein und öde so ein Leben sein kann, wie still man vor sich hinleben kann, in einem Winter in Hamburg, der endlos dauert und gleichzeitig erschreckend schnell verfliegt. Aber meine nachbarschaftliche Freundschaft, die erreicht dich vielleicht auch jetzt und da, wo du gerade bist.

Also: Ich denke an dich. Und ich vermisse dich.

Alles Liebe
deine Käthe

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Donnerstag, 14. Oktober 2010

Zugvogel

Er ist fort.
Ausgeflogen in den Süden bis zum nächsten Frühling.
In den letzten Wochen haben wir uns kaum gesehen, und nach all den Missverständnissen, Verwirrungen und Verirrungen des vergangenen Jahres ist dieser Abstand sicher gut.
„Ich werde dich vermissen“, sage ich zum Abschied. „Ach was“, entgegnet er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Das will er gar nicht hören.
„Wie gut, dass ich dich habe“, sagt er wenige Minuten später. Allerdings nur, weil ich ihm noch rasch mit Klopapier für den Untermieter aushelfe.
Ich höre ihn selten durch die Wände. Doch heute dröhnt die Stille geradezu schmerzhaft in meinen Ohren.
Bis zum Frühling sind es noch viele dunkle Monate.

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Dienstag, 15. Juli 2008

Übrig geblieben

Ich begegne meiner Nachbarin Frau W. im Treppenhaus.
„Wie war Ihr Urlaub?“ frage ich, aber entgegen ihrer üblichen Gesprächigkeit tut Frau W. meine Frage mit zwei dürren Sätzen ab. Sie sieht müde und erschöpft aus und scheint sich am Treppengeländer festhalten zu müssen.
„Ich komme gerade von der Beerdigung einer guten Freundin“, erzählt sie. „Wir kannten uns seit über dreißig Jahren. Nun ist überhaupt niemand mehr da, den ich von früher kannte, sie sind alle tot. Meine Freundin war die letzte von all meinen Freunden, die mich verlassen hat.“
Fast schwingt so etwas wie Bitterkeit in ihren Worten mit. Alle haben sie verlassen, ihr Mann, ihre älteste Tochter, die Freunde, bis hin zur letzten besten Freundin, die nun auch gegangen ist. Ich stehe betroffen da und weiß kaum, was ich sagen soll. Ich frage mich, wie es sich wohl anfühlen wird, wenn um mich herum alle Menschen, die mir lieb und kostbar sind und mich teilweise mein Leben lang begleitet haben, der Reihe nach sterben? Familie, Freunde, Nachbarn. Wie ich immer einsamer werde, immer mehr alleine dastehe. Angenehmer ist es sicher, nicht die Letzte sein zu müssen, sondern irgendwo mitten drin im Gewühl von Abschied und Endlichkeit verschwinden zu können.
„Natürlich habe ich inzwischen auch neue Leute kennen gelernt“, fährt Frau W. fort, als hätte sie meine Gedanken erraten. „Ich bin ja immer sehr bemüht, Kontakte zu knüpfen. Aber das ist nicht mehr dasselbe, die Verbundenheit wie zu meinen alten Freunden ist einfach nicht da.“
Ich weiß genau, was sie meint. Wenn man jünger ist, kommen immer wieder neue Kontakte hinzu, durch Beruf, Hobbys oder was auch immer. Zwar vertiefen sich mit zunehmendem Alter nur wenige und werden zu echten Freundschaften, die auch dann überdauern, wenn man sich nicht mehr regelmäßig sieht. Doch das Leben ist irgendwie noch im Fluss. Ich habe bereits sehr nahe Menschen durch den Tod verloren, aber ich habe danach nie dieses Gefühl von „übrig geblieben“ verspürt, sondern eher gedacht: Mein Leben geht weiter, ich habe noch viel vor mir. Mit achtzig denkt man das wohl nicht mehr. Da kommt man sich sehr verlassen vor und findet die Tatsache, dass man selber noch agil und körperlich fit ist, manchmal wohl überhaupt nicht segensreich.
„Aber ich darf mich eigentlich nicht beklagen, mir geht es doch noch so gut“, sagt Frau W. und ich bewundere den Trotz in ihrer Stimme und die energische Bewegung, mit der sie sich vom Treppengeländer löst und die Treppe weiter hinauf geht, ihrer Wohnung entgegen.

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Montag, 23. Juni 2008

Die graue Eminenz

Ich weiß nicht, wie lange Herr P. schon hier im Wohnblock lebt. Vermutlich ähnlich lange wie sein Freund Herr B., der vor einigen Jahren mit über neunzig starb. Und der zog hier ein, als die Häuser gebaut wurden. Das war 1954, damals, als aus der ehemaligen Altstadt mit winkeligen Gässchen, die bei den Bombenangriffen 1943 vollständig zerstört worden war, eine moderne Neustadt wurde (die wiederum heute, fünfzig Jahre später, teilweise sehr alt und sehr hässlich aussieht, aber das ist ein anderes Thema). Herr B. war ein kleiner, verschmitzter Mann, immer mit einer Kippe im Mundwinkel, mit ausgebeulten Cordhosen und fleckigen Hemden, freundlich, aufmerksam, hilfsbereit. Langjährige Leser erinnern sich vielleicht noch an meine Geschichte über seine recht ungewöhnliche Beerdigung.

Herr P. ist äußerlich das genaue Gegenteil von Herrn B. Groß, schmal, immer in einem sauberen, grauen Anzug, mit einem grauen Hut auf den weißen Haaren, den er höflich lupft, wenn man ihm begegnet. Er muss auch schon über achtzig sein, fährt aber immer noch mit dem Fahrrad durchs Viertel und ist auch sonst sehr rege. Herr P. macht all das, was in so einer großen Wohnanlage mit knapper Hausmeisterbesetzung sonst niemand macht – jedenfalls nicht in dem Umfang, in dem es sinnvoll wäre. Er fegt die Wege im grünen Innenhof, säubert die Holzbänke zwischen den Bäumen, jätet die Rosenbeete vor den Häusern. Herr P. fegt auch den Fußweg vor dem Block (und das ist ein langer Weg!), beseitigt Müll, der dort herum liegt und von der Stadtreinigung nicht erfasst wurde, oder Unkraut, das zwischen den Gehwegplatten wächst. Er sorgt dafür, dass es an den Müllcontainern sauber aussieht und verteilt manchmal stundenlang das Altpapier so auf die Container, dass es auch tatsächlich reinpasst und nicht tagelang in Stapeln, die immer feuchter werden, davor herum fliegt. Herr P. ölt quietschende Türen und bessert schadhafte Stellen mit Farbe aus. Er ist immer freundlich, aber stets auch etwas steif und zurückhaltend. Die älteren Nachbarn scheinen Herrn P. alle zu kennen, von den jüngeren bin ich eine der Wenigen, die mal ein paar Worte mit ihm spricht, immer irgendwie mit einem schlechten Gewissen, weil ich den alten Mann alleine weiter arbeiten lasse und einfach meiner Wege gehe. Aber Herr P. brüstet sich nie mit seinem Engagement oder jammert, weil ihm niemand zur Hand geht, ja, er scheint das gar nicht zu erwarten. „Es muss ja gemacht werden“, sagt er mit leisem Lächeln unter seiner randlosen Brille. Und dann vertieft er sich wieder ganz in seine Arbeit.

Ich frage mich manchmal, was geschieht, wenn Herrn P. die Kräfte schwinden und er nicht mehr dafür sorgen kann, dass es um unsere Wohnanlage herum immer sehr ordentlich aussieht. Wird er einen Nachfolger finden, der sich für eine so große Hausgemeinschaft verantwortlich fühlt? Jemanden, der nicht nur an sich denkt, sondern auch an andere? Der lieber etwas fürs Gemeinwohl tut, statt seinen eigenen Interessen nachzugehen? Jemanden, der die Zeit und die Energie eines Herrn P. hat? Oder werden dann einfach die Hausmeister gezwungen sein, sich mehr zu engagieren? Ist das überhaupt in ihren Dienstplänen vorgesehen? Oder baut die Wohnungsgenossenschaft darauf, dass die Mieter sich auch ein wenig einbringen? Ich fürchte, diese grauen Eminenzen wie Herr P. sterben langsam aus. Sie hinterlassen Lücken, die sich oft nicht mehr richtig schließen lassen. Aber nach einer Weile werden wir uns daran gewöhnt haben und schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, dass der Müll auf den Wegen liegt, bis irgendwer vorbei kommt, der für die Müllbeseitigung bezahlt wird. Oder auch nicht. Qualitätsverlust nennt man das dann wohl.

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Mittwoch, 28. Mai 2008

Zartes Händchen

Kürzlich traf ich im Treppenhaus eine Nachbarin, die mich um Hilfe bat. Ich war etwas erstaunt, denn erstens war ich in Eile und zweitens hatte ich noch nie zuvor mit der Frau gesprochen. Sie lebt zwar schon seit rund zwei Jahren hier im Haus, aber ich bin ihr bisher immer nur in Begleitung ihres Freundes begegnet. Die beiden grüßen dann immer freundlich und knapp, während sie Händchen haltend an mir vorbei gehen. Wenn ich hingegen den Freund alleine antreffe, ist er meistens sehr gesprächig. So ist das in Partnerschaften. Gestern nun war die Frau, deren Namen ich nicht mal kenne, alleine und sagte ohne Umschweife zu mir:
„Könnten Sie mir bitte mal helfen? Ich habe mich aus der Wohnung ausgesperrt und mein Freund ist nicht da. Jetzt brauche ich jemanden, der ein kleines Händchen hat.“
Nun bin ich erstens eine hilfsbereite Person und zweitens lässt es sich nicht leugnen, dass ich sehr kleine Hände habe. Andererseits war ich mit einer Freundin verabredet und schon etwas knapp dran. Doch die Hilfsbereitschaft siegte und ich ging mit Frau Namenlos hinauf zu ihrer Wohnung, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was sie eigentlich von mir wollte.

Dort oben vor ihrer Wohnungstür fand ich ein eigentümliches Szenario vor. Hier hatten sich, wie mir schien, ausgerechnet jene Nachbarn versammelt, die normalerweise nie miteinander reden und nie Kontakt zueinander haben. Herr Blockwart, den ich noch nie leiden konnte (nicht zuletzt, weil ich den Verdacht hege, dass er hierfür verantwortlich ist) und der mich auch nicht leiden kann, weil ich seiner Meinung nach die Hausordnung nicht richtig ernst nehme, kniete auf einem Kissen vor der Tür von Frau Namenlos und Freund. Jemand hatte die Verblendung und die Klappe vom Briefschlitz in der Tür entfernt und Herr Blockwart fuchtelte nun mit seiner Hand in dem Schlitz herum. Jetzt begriff ich, dass es darum ging, einen Draht oder ein anderes langes, biegsames Gerät durch den Briefkastenschlitz zu schieben und damit die Türklinke von innen herunter zu drücken.
„Soll ich mal?“ fragte ich in die Runde. „Ich habe sehr dünne Arme.
Herr Blockwart sah mich eine Weile zweifelnd an, bevor er sich erhob.
„Na gut, probieren Sie’s mal, Frau Feinstrick“, sagt er.
Frau Blockwart, von der ich eigentlich dachte, sie sei seit vielen Jahren tot und ihr Mann hätte sie im Waschkeller verscharrt, weil ich sie seit meinem Einzug in dieses Haus vor nunmehr neun Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen habe, sagte erstaunt:
„Das ist Frau Feinstrick? Die hätte ich jetzt aber gar nicht erkannt.“
Das überraschte mich nicht. Aber statt ihr zu raten, doch mal mehr unter Menschen zu gehen, ignorierte ich Frau Blockwart, konzentrierte mich auf meine bevorstehende Aufgabe und kniete mich auf das Kissen vor der Türschwelle. Als erstes fiel mir eins der selbst gebastelten Werkzeuge aus der Hand – natürlich in die Wohnung hinein. Herr Blockwart kommentierte das mit einem Schweigen, das schwerer wog als jeder böse Spruch. Es galt nun also, mich zu beweisen.

Jetzt trat eine Nachbarin in Aktion, die manchmal eigenwillige Kommunikationsformen wählt und ständig Angst zu haben scheint, dass sie bei den Nachbarn in Ungnade fällt. Kein Wunder, denn Herr Blockwart hetzt ihr gerne mal die Polizei auf den Hals, weil sie seiner Meinung nach zu laut Musik hört (das letzte Mal geschehen am Silvesterabend). An jenem Abend wirkte sie jedoch sehr engagiert, reichte mir verschiedene Drähte, gab Tipps und stand parat, um die Tür aufzustoßen, falls ich es schaffen sollte, die Klinke tatsächlich runter zu drücken. Ich schob mein dünnes Ärmchen tief in den schmalen Spalt hinein in die Wohnung, was Frau Blockwart ein ehrfurchtsvolles „Oh, sie kommt da ja ganz schön weit rein“ entlockte. Ich kam tatsächlich ganz schön weit, jedenfalls mit dem Arm. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, der Draht rutschte immer ab, bevor ich die Klinke richtig herunter drücken konnte. Ich überlegte, ob ich meine Freundin anrufen und unsere Verabredung absagen sollte. Meine Nachbarschaftshilfe schien ein längeres Projekt zu werden.

Dann streifte auch noch etwas Weiches meine Hand, die im Nichts herumtastete, und als ich sie irritiert zurückzog, schaute ich in die neugierigen Augen einer schwarzen Katze. Was war ich froh, dass Frau Namenlos und Freund keine Schlangen als Haustiere halten. Oder einen zähnefletschenden Rottweiler. Auf der anderen Seite des Treppenhauses öffnete sich eine Tür und Frau Tierlieb steckte ihre Nase heraus:
„Soll ich der Katze ein bisschen Trockenfutter durch den Schlitz schieben?“ fragte sie.
Ich wiederum fragte mich, wie lange es denn wohl schon her war, dass Frau Namenlos sich ausgesperrt hatte. Doch die blieb gelassen und winkte ab. Alles noch nicht so schlimm, die Katze würde garantiert keinen qualvollen Hungertod sterben. Frau Sprachlos wurde immer munterer und mir tat der Arm immer mehr weh. Das würde ein paar fette blaue Flecken geben. Aber als ich schon überlegte, ob ich aufgeben und den Platz auf dem Kissen wieder Herrn Blockwart überlassen sollte, schaffte ich es tatsächlich, mit einer gebogenen Aluminiumstange die Tür zu öffnen. Hurra, ich war die Heldin der gesamten Nachbarschaft (und ich könnte mich, nebenbei bemerkt, jetzt auch als Einbrecherin verdingen)! Frau Sprachlos und Frau Namenlos strahlten um die Wette. Herr Blockwart sagte:
„Gratulation, Frau Feinstrick. Geben Sie’s zu, ihr Traumberuf ist eigentlich Chirurgin.“
So viele Worte hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr an mich gerichtet. Und er brachte sogar ein Lächeln zustande. Frau Blockwart lächelte ebenfalls, bevor sie für die nächsten zehn Jahre wieder in ihrem Gefängnis ihrer Wohnung unterm Dach verschwand. Und ich eilte hinaus auf die Straße, dem Wahnsinn davon.

Edit: Nachdem ich einige Tage verreist war, fand ich bei meiner Rückkehr auf der Fußmatte vor meiner Tür eine Schachtel Schokolade als Dankeschön. Auf die Pappschachtel war ein kleiner Gruß geschrieben, und nun weiß ich auch, wie Frau Namenlos in echt heißt. Es geht doch nichts über eine gut funktionierende Nachbarschaft.

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Donnerstag, 7. Februar 2008

Diebstahl!!!

"Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,

in den letzten Tagen sollte mir ein etwas größerer Brief in CD-Format zugestellt werden. In dem Umschlag befanden sich drei CDs mit privaten Daten. Dieser Brief ist jedoch nie bei mir angekommen. Ob der Briefträger ihn versehentlich in den falschen Postkasten warf oder er vorsätzlich aus meinem Kasten gestohlen wurde, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Zwei der CDs fand ich in z.T. beschädigtem Zustand und nicht mehr in ihren original Hüllen gestern in meinem Briefkasten. Die dritte CD sowie die drei CD-Hüllen und der Briefumschlag bleiben verschwunden. Der materielle Wert dieser Gegenstände ist zwar minimal, dennoch handelt es sich hier um DIEBSTAHL und zudem um einen massiven Eingriff in meine Privatsphäre, denn offenkundig hat jemand meine Post geöffnet, sich meine privaten Fotos angesehen, die sich u.a. auf den CDs befanden und dann gezielt das geklaut, womit er (oder sie) etwas anfangen kann.

Ich erwarte, dass die gestohlene CD und die Hüllen sich bis spätestens morgen (Freitag, 8.2.) um 12 Uhr bei mir einfinden. Andernfalls werde ich mir weitere Schritte vorbehalten. Ich finde den Gedanken, mit Menschen unter einem Dach zu leben, die sich ihren Nachbarn gegenüber derart dumm und dreist benehmen, ziemlich unerträglich und möchte das nicht schweigend hinnehmen. Auf diese Weise entsteht ein Misstrauen, das diese ganze, ansonsten sehr gute Hausgemeinschaft stark beeinträchtigen wird.

Ihre Käthe Feinstrick"


Ist es überzogen, so einen Aushang im Treppenhaus zu machen? Ich finde das Vorgehen des Diebes einfach kackendreist und ärgere mich maßlos darüber. Warum er (oder sie) sich überhaupt die Mühe gemacht hat, mir die Foto-CDs doch noch zukommen zu lassen, begreife ich gar nicht. Scheint ein Anfänger zu sein, denn wenn der Brief samt Inhalt komplett verschollen geblieben wäre, hätte ich die Post dafür verantwortlich gemacht. So aber beäuge ich ab sofort jeden meiner Nachbarn mit dem wachsamen Miss Marple-Blick. Wobei einige der Damen und Herren über jeden Verdacht erhaben sind, das ist natürlich klar.

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Sunnyboy (Gast) - 16. Jun, 20:52
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feinstrick - 6. Mai, 13:31

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