Unterwegs
Für
logo, das Nachrichtenmagazin für Kinder, interviewten Schüler die Spitzenkandidaten der großen Parteien. Was harmlos anmutet, ist doch sehr entlarvend. Erste Liebe, Lieblingstier und Schulnoten – die jungen Reporter stellten ungewöhnliche Fragen und brachten die sonst so souveränen Politiker ins Stolpern. Gregor Gysi musste sich zu seiner wahren Körpergröße bekennen. Frank-Walter Steinmeier lächelte tapfer, als er nach seinem ersten Kuss gefragt wurde. Die Kanzlerin wirkte ratlos. „Was für ein Tier wären Sie gerne?“ „Hm, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Die Kröte ist mein Lieblingstier, wegen der Erdverbundenheit. Aber verwandeln möchte ich mich auch nicht dauerhaft.“ Eine Kröte. Ja, nee, ist klar.
(Hier sollte jetzt eigentlich ein kurzer, schöner Abschluss stehen, aber mir fällt partout nichts Gescheites ein. Vielleicht, weil ich zu müde bin. Vielleicht auch, weil dieser ganze Wahlkampf so absurd ist, dass einem die Worte fehlen.)
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feinstrick - 26. Sep, 23:24
Meine Theorie zur
Hamburger Hafencity, deren Entstehung weltweite Aufmerksamkeit erregt, lautet übrigens so:
Erst kommen die ganzen Reichen. Sie kaufen repräsentative Wohnungen, mit denen sie vor ihren Freunden und Geschäftspartnern angeben können. Schließlich haben sie eine Wohnung auf Europas bekanntester Baustelle ergattert. Hafencity ist in, Hafencity ist Kult. Da darf kein Porsche fahrender Wichtigtuer fehlen. Richtig leben tun diese Menschen natürlich nicht in der Hafencity. Denn sie arbeiten 20 Stunden am Tag (falls sie nicht von Beruf Sohn sind) und haben außerdem noch Immobilien in München, London und auf Ibiza. Darum fallen ihnen die ganzen Defizite dieses Stadtteils gar nicht auf. Und trotzdem wird es ihnen irgendwann zu langweilig in diesem Retortenviertel an der Elbe. Was heute Trend ist, ist morgen schließlich ne olle Kamelle. Also ziehen sie bald weiter.
Nach den Reichen kommen die Mittelständler, die gerne auch reich wären und sich freuen, dass sie nun eine schicke Eigentumswohnung mieten können, die zwar eigentlich über ihre Verhältnisse geht, aber es merkt ja keiner, wie ihr Bankkonto aussieht. Sie bleiben so lange, bis sie Privatinsolvenz anmelden müssen. Oder bis sie Kinder kriegen und feststellen, dass es für diese keinen Platz in der Stadt der Zukunft gibt. Ihnen folgen noch einige Generationen doppelverdienender Paare, bis die Wohnungen immer mehr verlebt und die Mieten immer weiter im Keller gelandet sind. Das einzig Teure an diesen Häusern sind eh die Grundstücke, an den Baumaterialien mussten die Investoren kräftig sparen, damit sich überhaupt jemand ihre Edelhütten leisten konnte, und das macht sich nun nach fünfzehn, zwanzig Jahren deutlich bemerkbar. Aus dem Vorzeigeviertel ist eine triste Betonwüste geworden.
Wohnen will hier niemand mehr freiwillig, schon gar nicht für viel Geld. Die Wohnungsbaugenossenschaften, die anfangs einige Alibihäuser gebaut hatten, deren Mieten sich ihre eigentlichen Mitglieder jedoch nicht leisten konnten, kaufen nun etliche der anderen Häuser mit auf. In die Wohnungen ziehen Studierende, Arbeiter und HartzIV-Empfänger. Aus der Yuppie-Bar wird Susis Nagelstudio, und das Sternerestaurant weicht einem Aldi. Für die Menschen, die jetzt hier leben, ist vor allem der günstige Miepreis wichtig. In den großzügig geschnittenen Wohnungen haben auch ihre Kinder und Hunde reichlich Platz. Das ist besonders wichtig, da es draußen keine Spielplätze gibt und sich selbst der
Pausenhof der Schule auf dem Dach befindet. Diese ganzen Investoren wollten damals nämlich vor allem schnell Geld verdienen und hatten gar nicht im Sinn, Lebensräume für Menschen zu gestalten. Die HartzIV-Empfänger sind es zum Glück gewohnt, in langweiligen Kästen zu leben, die wie Käfige dicht an dicht stehen, so dass man beim morgendlichen Blick aus dem Fenster sieht, was sich der Nachbar aufs Frühstücksbrötchen schmiert. Die Luftverpestung durch die Kreuzfahrtschiffe, die nebenan anlegen, finden sie zwar schlimm, aber was sollen sie machen? Schließlich war die Luft an der vierspurigen Umgehungsstraße, an der sie früher gelebt haben, auch nicht besser. Dass mal Leute freiwillig in der Hafencity wohnen wollten, können sie sich nicht vorstellen.
Gelegentlich schaut einer der Reichen, der auf einem der Kreuzfahrtschiffe vorbei fährt, von der Elbe aus auf die heruntergekommenen Betonklötze in der Hafencity. Viele der Büros stehen mittlerweile leer, hinter den Fenstern der Wohnungen hängen billige Gardinen und auf den Balkonen stehen kaputte Plastikmöbel. Kopfschüttelnd sagt der Reisende zu seiner Begleiterin: „Dort habe ich auch mal gewohnt. Über dreißig Jahre ist das her. Damals dachte ich, die Hafencity sei ein Ort zum Investieren. Aber mir wurde sehr schnell klar, dass es sich in Wahrheit um die größte städtebauliche Fehlplanung aller Zeiten handelte.“ "Wie konnte das denn passieren?" fragt die Begleiterin. Als Antwort erhält sie nur ein ratloses Schulterzucken.
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feinstrick - 24. Aug, 14:16
Früher fand ich die
Wallander-Krimis ganz toll. Ich habe einen nach dem anderen verschlungen. Dann schenkte mir jemand einen weiteren Krimi aus der Reihe, aber aus Gründen, die ich nicht erklären konnte, las ich nur die ersten zehn Seiten und legte das Buch dann weg. Damals dachte ich, es würde vielleicht mit dem Mann zusammenhängen, von dem das Geschenk war. Uns verbanden einige unschöne Geschichten, und mir schien es fast so, als hätte ich mit dem Buch auch den Mann weggelegt.
In meiner Wohnung steht seit ungefähr einem Jahr in einer Ecke eine Kiste mit ausrangierten Büchern. Seit Ewigkeiten will ich sie bei ebay versteigern, aber irgendwie vergesse ich es immer. Kürzlich ging mir der Lesestoff aus, und ich begann in dieser Kiste zu stöbern. Da stieß ich auf jenen weggelegten
Wallander-Krimi, und ich las ihn erneut – diesmal sogar bis zur letzten Seite. Es geht darin um religiösen Fanatismus. Neben vielen unterkühlten Dialogen und noch mehr Ungereimtheiten kommen in der Geschichte etliche Feuer vor. Erst brennen Tiere, dann Kirchen. Die Vorstellung, wie die Tiere verbrennen, war mir beim Lesen zuwider. Ich finde Feuer, das Lebewesen vernichtet, hat immer etwas Apokalyptisches. Mir gefiel die Geschichte nicht, was allerdings nichts mit den verbrannten Tieren zu tun hatte, sondern eher damit, dass ich die Story sehr konstruiert und teilweise auch nicht gut geschrieben fand. Das war mir bei den früheren Krimis von Henning Mankell nie aufgefallen. Ob das daran liegt, dass die anderen Bücher besser sind, oder dass mein Geschmack sich verändert hat, vermag ich nicht zu sagen.
Kaum hatte ich das Buch fertig gelesen, wurde die Apokalypse Wirklichkeit. Das Pferd einer guten Freundin verbrannte zusammen mit einem anderen Pferd bei einem Großbrand in seinem Stall. Es war noch ein junges Pferd, sehr hübsch, mit sehr guten Anlagen, der ganze Stolz meiner Freundin. Die Freundin ist völlig geschockt, ich bin es auch und vermochte sie kaum zu trösten. Erst vor wenigen Wochen hatte ich mir das Pferd angeschaut, und ich sehe immer noch seine freundlichen großen Augen vor mir, und seine üppige Mähne, die im Sommerwind weht. Doch dann schieben sich andere Bilder vor. Ich höre das verzweifelte Wiehern der Pferde und ihre Hufe gegen die Boxenwand hämmern, und in meinem Kopf mischen sich die brennenden Schwäne und Kühe aus dem Krimi mit den verkohlten Pferdeleibern. Meine Fantasie schlägt Purzelbäume und raubt mir den Schlaf. Die Geschichten, die das Leben schreibt, sind meistens viel grausamer und vor allem wahrer als alles, was in Büchern steht.
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feinstrick - 19. Aug, 20:45
Ich gehe seit einigen Tagen nur noch widerwillig in meinem Lieblingspark spazieren. Auf dem Weg dahin muss ich nämlich durch einen anderen Park, der so eine Art Freizeitpark des Viertels ist. Es gibt Spiel- und Sportplätze, eine Skaterbahn, ein Café, und einen eingezäunten Hundespielplatz. Ein kleiner Teil des Parks musste in den letzten Jahren dem neuen Schwimmbad weichen. Das heißt, kostenlose Freizeitfläche wurde gegen teures Freizeitvergnügen eingetauscht. Viele Anwohner protestierten vergeblich dagegen. Dass das neue Schwimmbad eine totale Fehlplanung ist, ist zusätzlich ärgerlich, soll jetzt hier aber nicht Thema sein. Was mich momentan so bedrückt, sind etliche Bäume, die mit weißen Kreuzen markiert wurden, unter denen ein Schild mit der Aufschrift: „Ich sterbe für Vattenfall“ steht.
Der Hintergrund dieser Aktion kann
hier ausführlich nachgelesen werden. Mich macht das so sauer, dass ich jedes Mal, wenn ich diese großen, alten Bäume sehe, vor Wut stundenlang nicht mehr klar denken kann. Nicht nur, dass wir dieses überflüssige Kraftwerk ertragen müssen. Jetzt beschneidet dieser Konzern auch noch einem Viertel, das wahrhaftig nicht vor Natur strotzt, seine grüne Lunge. Dass als Ersatz für die alten Bäume neue gepflanzt werden, ist für mich kein Trost. Erstens wird vermutlich niemand überprüfen, ob diese Bäume wirklich gesetzt werden. Und zweitens braucht ein Baum viele, viele Jahre, um so groß zu werden, dass sich kleine Tiere darin zuhause fühlen, Kinder sich hinter dem dicken Stamm verstecken, Familien im Sommer in seinem Schatten lagern können und er eine Augenweide für alle ist, die des Betons, von dem es hier im Viertel reichlich gibt, überdrüssig geworden sind. Was mich am meisten an der Sache ärgert: Es gäbe eine Alternative. Die Fernwärmeleitungen könnten unter einer Straße verlegt werden, die in unmittelbarer Nähe des Park verläuft. Dann müssten keine Bäume sterben. Aber die Stadt Hamburg möchte Beeinträchtigungen auf dieser viel befahrenen Straße vermeiden. Wie absurd ist das denn? Ein Baum, der einmal umgehauen wurde, ist weg. Für immer. Eine Straße, die wegen Bauarbeiten gesperrt wird, verursacht zwar ein paar Monate oder auch Jahre Behinderungen. Aber irgendwann wird der Asphalt wieder zugemacht, und alles ist so, als sei nichts gewesen. An anderen Stellen werden doch auch permanent Beeinträchtigungen in Kauf genommen, man denke nur an den Elbtunnel, an dessen Röhren ständig gebaut wird, so dass es zu kilometerlangen Staus auf der Autobahn kommt.
Ich glaube endgültig niemandem aus unserer schwarz-grünen Regierung mehr, der behauptet, es tue ihm so Leid, aber man habe das Vattenfall-Kraftwerk aus juristischen Gründen nicht verhindern können. Alles Schnickschnack. Angefangen bei den Vattenfall-Bossen bis hin zu den kleinsten Hamburger Abgeordneten geht es all diesen Leuten nur um eins: Ihre persönliche Macht zu erhalten und für sich selbst so viel Profit wie möglich rauszuhauen. Auf der Strecke bleiben dabei wie immer viele, viele Menschen und die Umwelt – zum Wohle einiger Weniger.
Wie hieß noch diese berühmte Rede, die gültiger denn je ist? „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“
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feinstrick - 13. Aug, 14:35
Im fast menschenleeren Drogeriemarkt kreuzen meinen Weg zwei Frauen, die jüngere sehr groß und hellblond, die ältere kleiner und dunkelblond. Die Jüngere hält eine blaue Plastikschüssel in der Hand und zeigt der Älteren einen Stand mit Fußpflegeprodukten. „Aha, Tochter hilft Mutter, für ein Fußbad einzukaufen“, schießt es mir durch den Kopf, und ich gehe weiter.
Ich habe die Beiden schon fast vergessen, als ich plötzlich die Stimme der älteren Frau vernehme. Beim flüchtigen Hinsehen habe ich sie nicht erkannt, aber diese Stimme kann ich sofort einordnen. Sie klingt auch jetzt, in hohem Alter, immer noch voll und elegant. Verstohlen drehe ich mich um und mustere die Frau nun etwas genauer. Tatsächlich, es besteht kein Zweifel. Da steht eine der größten deutschen Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts. Meine Mutter hat für sie geschwärmt, ich habe sie erst mit zunehmendem Alter entdeckt, war aber stets von ihrer perfekten Eleganz beeindruckt. Wann immer ich sie in Filmen oder Talkshows sah – sie war perfekt frisiert, perfekt geschminkt, perfekt gekleidet. Eine Frau von unaufdringlicher Schönheit, scheinbar ohne Starallüren, ohne marktschreierisches Getue, aber eine, die Eindruck hinterließ und bis ins hohe Alter Erfolg hatte.
Ich lächele und straffe meine Schultern. Ich möchte hingehen und ihr sagen, dass ich sie großartig finde. Ob sie genervt ist? Oder sich freut? Ich mache neugierig schon einen Schritt in ihre Richtung, doch dann überlege ich es mir anders. Die Situation ist zu intim. Diese große Frau steht hier im Drogeriemarkt, ungeschminkt, schlecht frisiert, in bunter Sommerkleidung, die eher an den Strand als in die Stadt passt, und kauft sich Fußbalsam. Sie ist heute nicht als Diva unterwegs, sondern nur eine alte Frau, der die Füße weh tun.
Ich drehe ab, kaufe weiter ein, stehe später zufällig an der Kasse wieder hinter ihr und beobachte still, wie sie freundlich mit der Kassiererin spricht. Ich schaue ihr schmunzelnd hinterher, als sie mit ihrer Tochter den Laden verlässt, langsam und ein wenig humpelnd. Ein großer Star ganz menschlich. Ich bin froh, dass ich sie nicht in ihrem Menschsein gestört habe.
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feinstrick - 4. Aug, 14:16
Im Jenischpark sitzen, Eis essen, auf die Elbe schauen, während die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwindet.
Im warmen Wasser plantschen, die Schwerelosigkeit genießen, mit geschlossenen Augen das Gefühl für Raum und Zeit verlieren.
Der eigenen Berufung näher kommen, jeden Tag ein Stückchen mehr, immer deutlicher spüren, was gut tut, was meins ist, nicht nur in meiner Fantasie, sondern auch ganz in echt.
Das ist Glück.
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feinstrick - 25. Jun, 22:10
Ich gehe walken – und schäme mich dabei. Ist das nicht ein deutliches Zeichen von Schwäche, das öffentliche Eingestehen, dass ich zu mehr nicht fähig bin? Walken gehen doch übergewichtige ältere Frauen mit Dauerwelle, nicht Leute wie ich, dynamisch, energiegeladen, im besten Alter. Meine Walkingstrecke war früher Teil meiner Joggingstrecke, damals, als ich noch fit war, jeden Monat einen Kilometer weiter lief und nicht bei jedem unsanften Stoß das Gefühl hatte, mir würde gleich die Wirbelsäule brechen. Jetzt verstecke ich meine Augen hinter einer Sonnenbrille, um nicht den erniedrigenden Blicken durchtrainierter, attraktiver junger Männer standhalten zu müssen. Und erst die Schmach, wenn mich x-beinige Frauen flott überholen. Schrecklich!
Dabei weiß ich genau, dass ich lediglich die Schulden dafür zahlen muss, dass ich jahrelang Raubbau mit meinem Körper betrieben habe. Ich bin im Düsenjet durch mein Leben gejagt und habe ignoriert, was das für eine Belastung war. Permanenter beruflicher Stress mit großer Unzufriedenheit, und das über Jahre. Eine Beziehung und Affäre nach der nächsten, von denen manche schön waren und mir gut taten, andere mein Herz zerrissen und meine Seele verletzten. Nächtelanges Chatten und Bloggen, ständig online, ständig präsent sein, immer auf Abruf leben. Große Konflikte, schwere Tragödien, schreckliche Verluste, es ging Schlag auf Schlag. Zehn Jahre lang. Dann zog ich die Notbremse.
Inzwischen bin ich vom Düsenflieger in einen Bummelzug umgestiegen. Mein Leben verläuft so ruhig und friedlich, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann. Freunden habe ich nichts zu erzählen, weil ich nichts erlebe. Es gibt keine Männergeschichten mehr, keine Tragödien, keine skurrilen Anekdoten, keinen Herzschmerz und keine falschen Hoffnungen. Es gibt nur noch mich. Ich orientiere mich beruflich neu, suche meinen Weg und habe das Gefühl, täglich ein Stückchen mehr Klarheit zu finden. Es ist nicht langweilig, dieses stille, ereignislose Leben. Es ist nicht das, was ich bei anderen oft kritisiere: das dumpfe Verharren in einer Situation, die man nicht ändern kann oder will, weil einem die Kraft fehlt. Es ist vielmehr ein ganz leises Bewegen, ein Suchen und Tasten, behutsam, vorsichtig, neugierig. Zum ersten Mal gönne ich mir den Luxus, mich selbst und mein eigenes Leben zu finden, statt dem Leben anderer Leute hinterher zu jagen. Das fühlt sich unfassbar gut an.
Meine Seele spürt bereits die Veränderung. Sie ist nicht mehr so ängstlich und verzagt wie früher. Ich merke, dass ich entspannter bin, gelassener, zufriedener. Das fällt sogar meiner Umgebung auf. Nur mein Körper, der streikt noch. Der hat immer noch den Ballast der Vergangenheit gespeichert, schleppt den Restmüll mit sich herum und erinnert mich täglich daran, dass ich achtsamer mit meinem Leben umgehen muss. So gesehen ist es vielleicht ganz gut, dass mir mein Rücken immer noch weh tut. Der Schmerz ist eine tägliche Warnung an mich selbst, vorsichtig zu sein, nicht wieder in alte Muster zu fallen, mich nicht ausbeuten zu lassen. Darum gehe ich auch weiter tapfer walken. Dieses langsame Tempo passt sowieso viel besser zum Leben im Bummelzug. Es zeigt mir, dass neue Zeiten angebrochen sind, dass ich andere Akzente setze als früher. Nur eins mache ich nicht mit: Ich verwende beim Walken keine Stöcke. So viel Stolz habe ich mir dann doch noch bewahrt.
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feinstrick - 1. Jun, 12:25
Manchmal wird einem das Leben einfach aus der Hand genommen, und binnen Sekunden entscheiden andere Mächte über Glück und Unglück. In dem Moment versteht man das gar nicht, sondern man lacht über all den Unsinn, der einem da grade widerfährt. Hinterher aber wird man auf einmal ganz still, ganz nachdenklich, schaut einander an und sieht auch bei den anderen Betroffenen zwischen all dem Schabernack die Dankbarkeit im Blick: „Glück gehabt!“
Ich war mit Freunden auf dem Heimweg von einem gemütlichen Kaffeetrinken. Wir waren in heiterer, fröhlicher Stimmung. An der überirdischen S-Bahnstation Friedrichsberg mussten wir eine Weile auf die Bahn warten, die Verspätung hatte. Auf einmal wurde der Himmel immer dunkler, ein geradezu unheimlich klingendes Rauschen ging durch die hohen Bäume auf der anderen Seite der Gleise, und innerhalb weniger Minuten wurden nicht nur trockene Blütenblätter, sondern auch kleine Zweige von einem plötzlich aufkommenden Sturm auf den Bahnsteig gefegt. Wir flohen in den Windschatten einer Fahrplantafel, so ungemütlich wurde es binnen kürzester Zeit. Als ein kräftiger, feiner Regen einsetzte, kam zum Glück endlich die Bahn, und wir stiegen dankbar ein.
„Wie schön, endlich warm und trocken zu stehen“, sagten wir erleichtert. Der Waggon war voll besetzt, Wir spürten gerade noch dem wohligen Gefühl von Wärme und Windstille nach, da hielt die S-Bahn schon wieder, mitten auf einer Brücke, nur ein kleines Stück hinter dem Bahnhof, den wir soeben verlassen hatten.
„So“, verkündete der Fahrer mit norddeutscher Gelassenheit. „Jetzt sind wir über einen Baum gefahren.“
Irritiertes Gemurmel und vereinzelte Sprüche der Fahrgäste folgten. Keiner konnte die Situation richtig einschätzen. Wir schauten aus den Fenstern. An der Böschung hinter der Brücke stand ein großer Baum, dem es tatsächlich ein Stück aus der Krone gehauen hatte. Auf der anderen Seite der S-Bahn lagen Zweige und Äste verstreut im Gleisbett, ein größerer Ast ragte seitlich unter unserem Waggon heraus. Das sah alles wüst aus, aber nicht dramatisch. Die paar Äste würde man doch schnell beseitigt haben. Der Zugführer meldete sich wieder. Die Feuerwehr sei verständigt, wir müssten uns jedoch sicher auf eine Wartezeit einstellen. Dann ging das Licht aus. Langsam dämmerte uns, dass dieser Zwischenstopp nicht nur zwei, drei Minuten dauern könnte. Aber wir fanden das alles irgendwie nicht weiter tragisch. Ein paar witzige Sprüche flogen durch den Wagen, wir lachten und blickten erheitert in die Runde. Alles schien lustig zu sein, sogar der Güterzug, der auf dem Nachbargleis ungebremst über einige dicke Äste brauste. Das Holz flog durch die Gegend, und wir konnten vermutlich froh sein, dass nicht noch mehr in die Luft ging, denn jemand stellte fest, dass der Zug Gefahrengut transportiert hatte. Aber wir lachten.
Die üblichen gruppendynamischen Prozesse setzten ein. Es bildeten sich Grüppchen, und Menschen kamen miteinander ins Gespräch, die sonst nicht mal zwei Worte miteinander gewechselt hätten. Eine junge Frau engagierte sich lautstark für die Rechte der Raucher, und gemeinsam mit anderen Süchtigen versammelte sie sich schließlich rauchend in der Mitte des Waggons an einem Fenster. Die Nichtraucher schauten irritiert, empört – und dann vor allem amüsiert. Jedenfalls in der Ecke, in der meine Freunde und ich uns niederließen.
„Gut, dass wir vorher alle noch mal auf dem Klo waren“, stellte einer von uns fest. Draußen erschien ein Regenbogen am Himmel, dieses seltsame Unwetter hatte höchstens zehn Minuten gedauert. Pressefotografen tauchten unterhalb der Brücke auf, überall auf den Straßen brausten Feuerwehrwagen entlang, nur zu uns kam erst mal niemand. Der Zugführer hielt uns freundlich und souverän über den Stand der Dinge auf dem Laufenden, meine Sitznachbarn taten ein Übriges, um eine großartige Stimmung zu verbreiten.
Dann kam die Feuerwehr. Der Einsatzleiter sprach zu uns, Feuerwehrmänner gingen durch die Waggons, um sich zu vergewissern, dass es allen Fahrgästen gut ging, es war von schwerem Gerät die Rede, das zum Einsatz kommen müsse, und wir erfuhren, dass dieser kleine Unfall den Zugverkehr auf weiten Strecken der Stadt zum Erliegen gebracht hatte. Wir kamen uns irgendwie wichtig vor. Solche Geschichten erlebten doch sonst immer nur die anderen Leute, oder man las sie am nächsten Tag in der Zeitung. Draußen war schönstes Wetter, dieser Sturm war so weit weg, als hätte es ihn nie gegeben. In anderen Teilen des Waggons schien die Stimmung zu kippen, nicht alle Leute hatten so viel Humor wie wir und gackerten so ausgelassen vor sich hin. Unruhe machte sich breit. Da hieß es zum Glück, wir müssten den Zug alle verlassen.
Eine Leiter wurde an eine offene Tür gestellt. Der Reihe nach kletterten wir alle auf eine Plattform hinter der Brücke. Koffer und Taschen wurden weiter gereicht, die Feuerwehrmänner bildeten eine Kette aus hilfreichen Händen, an denen wir uns festhalten konnten, während wir im Gänsemarsch eine steile, glitschige Böschung hinab zur Straße kletterten. Die Organisation war perfekt, wir dankten den Feuerwehrleuten für ihr umsichtiges und freundliches Handeln, und begaben uns dann, immer noch in sehr heiterer Stimmung, auf den Weg zur nächsten U-Bahn.
Plötzlich wirkte die Welt um uns herum geradezu gespenstisch. Alles war so ruhig und still. Wir hatten soeben anderthalb Stunden festgesteckt, während andere Leute vermutlich kaum etwas von diesem Blitz-Sturm bemerkt hatten. Wir dagegen waren auf einmal in einem komplett anderen Film gelandet, nachdem wir in diese S-Bahn gestiegen waren. Unser Zug hätte auch entgleisen können. Oder der Güterzug mit seiner gefährlichen Fracht. Nicht auszudenken. Auf einmal wurden wir alle ganz still, und der Schreck fuhr uns nachträglich in die Glieder. Ein heiteres Kaffeetrinken hätte sehr tragisch enden können. Und keiner von uns hätte auch nur das Geringste dagegen tun können. Über Glück und Unglück entscheiden manchmal eben nur Sekunden. Oder höhere Mächte. Das Schicksal. Kismet. Wie auch immer.
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feinstrick - 11. Mai, 22:11
Ich habe heute Tim Bergmann tief in die Augen gesehen. Nicht im Fernsehen, sondern ganz in echt, im Supermarkt hier im Viertel. Das lag nur daran, dass eine Familie so dümmlich grinste, erst die Mutter, dann der Vater, der sich nicht entblödete, sich noch mal umzudrehen, dann die Tochter, die nicht grinste und nur starrte, vermutlich, weil sie gar nicht wusste, wer Tim Bergmann ist. Ich ging an den Dreien vorbei, fragte mich, wo die eigentlich hinglotzten, dachte noch, dass der Mann, den ich da rechts überholte, von hinten entfernte Ähnlichkeit mit Tim Bergmann hatte und sie den wahrscheinlich anstarrten, dass ich aber diesen Fehler nicht machen würde. Promis anzuglotzen ist nun wirklich nicht mein Ding. Mitten im Gang blieb ich stehen, um meine Gedanken zu sortieren. Joghurt, Mozzarella, Nudeln, Knoblauch – irgendwas fehlte, aber mir fiel nicht ein, was. Ich musterte die Waren in meinem Korb und überlegte. Crème Fraiche könnte ich noch holen, aber eigentlich brauchte ich die für meine Rezepte nicht wirklich, die vergammelte bloß wieder im Kühlschrank. Chips? Nee, von dem Zeug aß ich in letzter Zeit viel zu viel. Also drehte ich mich entschlossen Richtung Kasse um. Und da stand er tatsächlich, Tim Bergmann, in der Obstabteilung neben den Zitrusfrüchten und - er sah mich an. Ja, tatsächlich, er sah zu mir herüber, direkt in meine Augen, die unter einer dicken, schwarzen Wollmütze hervorlugten. Für den Bruchteil einer Sekunde schien sich niemand mehr in diesem Laden zu bewegen, einschließlich mir selbst. Dann grinste ich schief. Tim Bergmann hielt mich vermutlich für total dämlich. Er ist nicht nur sehr attraktiv, sondern auch ziemlich groß, und neben ihm stand eine ebenfalls ziemlich große Frau, vermutlich seine Freundin. Oder ist er verheiratet? Ich bin nicht so genau über das Leben von Tim Bergmann informiert. Jedenfalls dachte er sicher, ich hätte so lange in diesem Gang rumgestanden und vor mich hingestarrt, weil ich überlegte, wer er ist, und als es mir wieder eingefallen war, drehte ich mich um, damit ich ihn genauso anglotzen konnte wie zuvor diese Familie. So war es zwar nicht gewesen, aber das konnte ich natürlich schlecht erklären. Also bog ich rasch nach links ab, bevor ich in Tim Bergmanns Gesicht lesen würde, wie blöd er mich fand. Dabei war er es doch genau genommen, der mich so unverblümt und durchdringend angesehen hatte, ich erwiderte den Blick lediglich. Fast war ich geneigt, zu sagen: „Was starren Sie denn so? Haben Sie nichts Besseres zu tun?“
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feinstrick - 23. Jan, 19:48
Auf der Straße: "Mama, ich hab eine EC-Geldkarte gefunden." "Dann musst du mal gucken, ob da noch was drauf ist."
Im Radio: "Ich wünsche mir diesen Song für meine erste große Liebe und meine Frau."
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feinstrick - 29. Dez, 11:22