Unterwegs

Samstag, 4. Juni 2016

Aufdränger

Es ist schon ein Jammer, dass sich gewisse Klischees immer wieder erfüllen. So wie heute. Man wagt es ja angesichts all der Unwetter- und Katastrophenmeldungen kaum zu sagen, aber wir hier im Norden haben richtig Sommer. Mit blauem Himmel und Hitze und so. Temperaturen um die 28 Grad holen die Leute vor die Tür. Für alle Südländer: Nein, so warm ist es hier normalerweise Anfang Juni nicht. Überhaupt ist es im gesamten Sommer selten so warm und sonnig. Darum dürfen wir das jetzt auch mal genießen. Und darum dürfen alle, die nicht von Unwettern geplagt werden, sondern bloß mal ein bisschen Regen haben, gern den Mund halten, denn während 80 Prozent des Sommers ist das genau andersrum: Norden kalt und nass. Süden trocken und sonnig. Aber ich schweife ab.

Die Leute gehen also vor die Tür. Ich auch. Erst sitze ich auf dem Balkon und arbeite, dann, gegen Abend, packe ich einen Rucksack und gehe an die Elbe zum Strand. Ich finde ein halbwegs leeres Plätzchen. Links von mir lagert eine größere Gruppe, alle in meinem Alter. Die beachten mich gar nicht. Rechts, in deutlicher Entfernung, sitzt ein älterer einzelner Herr. Er mustert mich eingehend, als ich meine Decke ausbreite, und kurz habe ich den Impuls, weiterzugehen. Aber weiter links ist es zu voll und weiter rechts wird es bald schattig werden. Und überhaupt, nicht jeder ältere Herr, der einen beim Auspacken der Picknickutensilien beobachtet, ist gleich ein Spanner. Also bleibe ich und packe aus. Nudelsalat, Frikadellen, Brot und eine Flasche Wein.

Es ist wirklich richtig schönes Wetter und ich genieße es unendlich, hier in der Sonne auf meiner Decke zu sitzen, die Füße im Sand zu vergraben und die Schiffe auf der Elbe zu beobachten. Dass ich alleine bin, stört mich kein bisschen. Ich bin so mit mir im Reinen an diesem Abend, dass ich niemanden und nichts vermisse. Vielmehr genieße ich die Sonne und mein Essen. Oder besser: Ich würde genießen, wenn da nicht ständig dieser starrende Blick von rechts wäre. Mein erster Impuls hatte mich leider nicht getrogen. Aus den Augenwinkeln bemerke ich genau, dass der Kerl mich unentwegt beobachtet. Glauben Männer wirklich, dass Frauen es a) nicht bemerken, wenn sie angestarrt werden, oder das b) total toll finden? Nicht Euer Ernst, Jungs, oder?

Erst als sich ein Pärchen auf die freie Fläche zwischen uns legt, gibt der Mann das Glotzen auf. Doch dann verschwindet die Sonne hinter den Bäumen und lange Schatten wandern langsam von West nach Ost. Der Spanner hockt eher im Schatten als ich. Und steht bald darauf auf. Ich liege inzwischen rücklings auf meiner Decke, stütze mich auf den Ellbogen ab und schaue einem Hund zu, der in der Elbe badet. Da baut sich der Spanner direkt vor meiner Decke auf und starrt nun unverfroren auf mich herab, wie ich da so zu seinen Füßen liege. „Sie haben ja auch ordentlich aufgetischt“, zwängt er mir ein Gespräch auf. „Da war ja alles dabei, von der Vorspeise bis zum Dessert.“ Natürlich konnte er das auf die Entfernung gar nicht so genau sehen, sonst hätte er bemerkt, dass es kein Dessert gab, aber es ist klar, dass es darum nicht geht. Er sucht Kontakt.

Ich lache freundlich, bleibe aber sehr reserviert mit meinen Antworten. Das sei ja so viel gewesen, als hätte ich eine ganze Partygesellschaft erwartet, plappert er weiter und ich nicke höflich und wünsche ihn innerlich zum Teufel. „Und nun sitzen Sie immer noch alleine hier. Und Sie haben mich gar nicht eingeladen.“ Ja, denke ich, und das wird auch so bleiben. Mein Lächeln gefriert zunehmend. Einen schrecklichen Moment lang fürchte ich, der Mann werde sich direkt neben mir auf einem der letzten Sonnenplätze niederlassen. Aber zum Glück bleibt er stehen. Er habe ja gar keinen Hunger, fährt er fort, nur Durst. Sein Blick wandert vielsagend zu meinem Glas. Mein Lächeln ist wie festgetackert, aber ich sage kein Wort. „Sind Sie immer hier?“, unternimmt er einen letzten Versuch. „Nein“, sage ich und nun lächle ich gar nicht mehr. „Also nur gelegentlich?“ „Genau.“ Ich bin so reglos wie eine Sphinx. Der Mann gibt auf und verabschiedet sich freundlich.

Ich trinke Wein und bin grimmig. Die schöne Stimmung ist im Eimer. Aber im Grunde war sie das von Anfang an. Ich hatte es gewusst: Dieser Typ Mann, um die siebzig, gut situiert, durchaus attraktiv für sein Alter, ist genau der Typ Mann, mit dem ich mich seit Ewigkeiten herumschlage. Es ist die Sorte Mann, die sich für unwiderstehlich hält und mich für leichte Beute. Doch ich bin nicht interessiert, nie. Und ich würde diesen Kerlen am liebsten jedes Mal ihr schleimiges Grinsen aus dem Gesicht schlagen. Aber ich habe gelernt, höflich zu bleiben, wenn man mir höflich begegnet. Und das ist genau die Krux an der Sache: Streng genommen hat der Mann mich nicht belästigt. Er blieb die ganze Zeit höflich. Wäre er dreißig Jahre jünger und hätte etwas wirklich Witziges gesagt, hätte ich mich vielleicht über den netten Flirt gefreut. Aber so? Männer, die so eindeutig auf der Jagd sind, dass man es auf 100 Kilometer Entfernung spürt, sind die langweiligsten Jäger, die ich kenne. Und ich gestehe, ich bin froh, wenn diese Generation Mann allmählich in das Alter kommt, in dem sie sich mehr auf ihren Rollator konzentrieren muss als auf junge Frauen, die vermeintlich leicht rumzukriegen sind.

Und bevor jetzt wieder einige Herren hier beleidigt sind: Ihr seid alle nicht gemeint. Ehrlich. Und ihr dürft gerne mit mir flirten, wenn ich euch über den Weg laufe. Nur bitte nicht starren und schleimen und den Gockel mimen.

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Donnerstag, 11. Februar 2016

Von ferne so nah

Es war vor vielen Jahren, meine erste richtige Liebesbeziehung. Ich liebte den Jungen sehr und er mich wohl auch. Doch wir begegneten uns zum falschen Zeitpunkt. Wir hatten gerade angefangen zu studieren und fühlten uns beide orientierungslos, sowohl an der Uni als auch in unserem Leben. Wir ertrugen einander nicht, weil wir uns selbst nicht ertrugen. Nach wenigen Monaten verließ er mich wieder.

Ich war sehr verzweifelt. Aber ich war auch jung. Da zieht man rasch weiter. Und so fand ich bald schon Trost bei einem anderen Mann. Er hingegen ging mit seinem besten Freund auf Reisen, ein Dreivierteljahr lang. Von unterwegs schrieb er mir Briefe, endlos lange tagebuchähnliche Reiseberichte, Monat für Monat. Ich konnte ihm nie antworten, denn er hatte keine feste Adresse. Aber ich freute mich über diese Briefe. Und ich fragte mich, was ihn dazu bewog, ausgerechnet der Frau ständig zu schreiben, von der er sich gerade erst getrennt hatte. Erkannte er in der Ferne, wie sehr er mich noch liebte? Oder brauchte er nur eine Verbindung nach Hause, einen Anker, der ihm unterwegs Halt gab? Schrieb er nur mir so ausführlich oder noch anderen Leuten? Ich erfuhr es nie, obwohl wir später wieder Kontakt hatten und sehr warm und liebevoll miteinander umgingen - immer mit einem leisen Bedauern, dass wir einander so schnell verloren hatten.

Heute erhalte ich wieder Post von einem Mann aus der Ferne. Er ist für ein Weilchen fort, und als ich ihn das letzte Mal küsste, nahm ich an, dass ich erst nach seiner Rückkehr wieder von ihm hören würde. Doch zu meiner großen Überraschung trudelte bereits wenige Tage nach seiner Abreise die erste kleine Nachricht ein. Und seitdem stehen wir beinah täglich im Kontakt, seit vielen Wochen nun schon. Mal tauschen wir Alltagsbegebenheiten aus, mal wilde erotische Fantasien. Es knistert und funkt, die Mails sind voller Albernheiten und Ernsthaftigkeiten, voller Lust und Vergnügen.

Nie zuvor haben wir in einem so intensiven Austausch gestanden. Und auch wenn es manchmal nur ein kleiner Satz am Tag ist, so ist er doch Teil einer Verbindung, die nicht abreißt. Ich bin erstaunt und verwirrt und stelle mir ähnliche Fragen wie damals vor 25 Jahren, bei meiner ersten großen Liebe. Warum schreibt er mir? Die Antworten darauf gebe ich mir selbst und sie fallen meistens recht nüchtern aus.

Ich bin mir sicher, dass es die Distanz ist, die diese Nähe erzeugt - so paradox das klingen mag. Von ferne traut man sich so manches, was nicht mehr geht, wenn man sich gegenübersteht. Ich weiß zwar, dass er, im Gegensatz zu dem Mann von damals, zu mir zurückkehren wird. Die Frage ist jedoch, wie das dann sein wird. Näher als vorher? Oder ferner? Werden wir peinlich berührt sein ob all der wilden Fantasien, die wir einander im Schutz der Entfernung anvertraut haben? Oder plötzlich fremdeln, so wie man das oft genug mit unbekannten Chatpartnern erlebt, die einem seltsam vertraut sind - bis man ihnen in echt gegenübertritt. Ich wappne mich innerlich jedenfalls schon mal für das Unvermeidliche - sofern das überhaupt geht.

Bis dahin genieße ich diesen kleinen Austausch und bedauere es fast, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man dicke Briefe mit exotischen Briefmarken erhielt, die man in einer Schachtel aufbewahren konnte wie einen kostbaren Schatz.

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Samstag, 14. November 2015

Terror

Ich war schon im Bett und hatte es mir mit einem Glas Rotwein und meinem Laptop gemütlich gemacht, auf dem ich die NDR Talkshow ansah. Es ging dort gerade ziemlich lustig zu, die ganze Runde lachte ausgelassen und ich mit ihr. Im Hintergrund lief Facebook und gelegentlich klickte ich mich nebenbei durch neue Nachrichten. Plötzlich begannen Leute, ihre Profilbilder zu ändern. Je suis … Paris … der Eiffelturm als Friedenszeichen … Wie ein Ruck ging es durch mich hindurch: Nicht schon wieder. Oh nein, bitte nicht schon wieder. Ich wechselte zu Twitter, wo die Nachrichten geballter und präziser reinkamen, wo ich schneller Links zu den passenden Quellen fand.

Anschließend verbrachte ich die halbe Nacht am Rechner, sah die Live-Berichterstattungen aus Paris, bekam mit, wie die Zahl der Toten ständig wuchs und die Verzweiflung kaum noch in Worte zu fassen war. Paris, die Stadt der Liebe, an die auch ich wunderschöne Erinnerungen von zahlreichen Besuchen habe. Und nun die Stadt des Terrors. Schon wieder.

Und natürlich dauerte es nicht lange, bis sich zwischen all die Betroffenheit auch Stimmen mischten, die regelrecht schadenfroh wirkten. Endlich werden die Regierungen zum Handeln gezwungen, hurra. Geht’s noch? Wie widerwärtig gefühlskalt muss man drauf sein, um aus diesem Grauen Profit für die eigene Profilierung zu schlagen? Dass die Regierungen handeln müssen, und das schon lange, ist ja klar. Aber das so abgeschmackt zu verpacken, ist ekelhaft.

Und genau das ist es, was mich bei dieser ganzen Geschichte unentwegt Schüttelfrost haben lässt: Dass ich dank der Flüchtlinge nicht nur gezwungen werde, permanent in die hässliche Fratze des Terrors zu schauen, sondern auch in die meines Nachbarn. Nur, um es noch mal ganz deutlich zu sagen: Ich finde auch nicht, dass wir unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen können. Ich finde auch, dass unsere Regierung gewaltige Fehler gemacht hat und immer noch macht. Aber ich finde nicht, dass man nun losrennen und sagen muss: Sofort alle Grenzen dicht, alle Flüchtlinge zurück nach Hause, denn die sind alle Terroristen, wirklich alle. Auch die zweijährigen Kinder und ihre schwangeren Mütter. Genauso dämlich ist es, zu sagen: Alle CSU- und AfD-Politiker sind braune Hohlköpfe. Oder: Alle Linken sind kurzsichtige Gutmenschen.

Wenn wir damit nicht bald aufhören, dann hat der Terror schon ein bisschen gewonnen. Dann machen wir uns gemein mit ihm.

Heute Morgen bin ich vom Geräusch eines kreisenden Hubschraubers aufgewacht. Mein erster Gedanke war: Jetzt ist in Hamburg auch was passiert. Ja, ich habe diese Angst. Und ich spreche sie laut aus, und niemand, der mich kennt, schiebt mich dadurch in eine Ecke, in die ich nicht gehöre. Wir dürfen Angst haben und wir dürfen sie äußern und unsere Politiker dazu zwingen, sich dieser Angst anzunehmen. Das ist schließlich ihre Aufgabe. Und ja, wir dürfen auch wütend darüber sein, dass die Politik diese Aufgabe schon sehr lange nicht mehr ernst genommen hat.

Ich habe versucht, den Horror des vergangenen Abends zu verdrängen. Ich habe fröhliche Mails geschrieben, war Shoppen und Kaffeetrinken. Aber es hat nicht geklappt. Die ganze Zeit stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn unter einem dieser Leichentücher jemand gelegen hätte, den ich kenne. Ich denke daran, wie schnell es gehen kann, dass aus Frieden Krieg wird. Jetzt werde ich ganz still eine Kerze anzünden und diesen kindlichen, naiven Wunsch aussprechen, dass die Menschen auf dieser Welt eines fernen Tages zur Vernunft kommen mögen. Und vermutlich werde ich dabei die eine oder andere Träne vergießen, weil ich weiß, dass ich das nicht mehr erleben werde.

Hier noch ein paar Links zu Beiträgen, die mich zum Nachdenken angeregt haben - und zwar in allen Richtungen.

Exporteure des Todes - was wir lernen müssen (Süddeutsche)

Nils Minkmar: "-Die französische Regierung hat versagt. Das macht mich wütend" (Video)

Über die katastrophalen Zustände auf der griechischen Insel Lesbos (Video)

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Donnerstag, 17. September 2015

Auf der Flucht

Ich weiß nicht, wie oft ich schon versucht habe, diesen Text zu schreiben, wie viele Versuche halb fertig in den Tiefen meiner Festplatte verschwanden. Wo soll man auch anfangen bei so einem emotionalen Thema?

Bei sich selbst? Bei mir und meinen eigenen Ängsten, Vorurteilen und Bedenken? Bei der Frage, wie wir das alles bewältigen sollen mit diesen vielen Flüchtlingen? Wie wir es schaffen können, so viele von ihnen dauerhaft aufzunehmen und zu integrieren? Wo wir doch noch genug mit der Integration derer zu tun haben, die schon seit vielen Jahren hier leben und immer noch kein Deutsch können und immer noch deutlich schlechtere Schulabschlüsse haben als deutsche Kinder. Wie sollen wir das schaffen bei einer Politik, die in allen Parteien, auf allen Ebenen so grandios versagt, dass es ein Wunder ist, dass wir die Verantwortlichen nicht längst alle geteert und gefedert fortgejagt haben? Die Ersthilfe für die ankommenden Flüchtlinge wäre bei dieser trägen Bürokratie und diesen vielen Fehlentscheidungen jedenfalls ein absolutes Desaster - wären da nicht diese unfassbar vielen Menschen, die einfach die Ärmel aufkrempeln und helfen. Die da organisieren, wo der Staat es nicht bewältigt. Die da machen, wo der Staat nur Reden schwingt. Und die da die Arme ausbreiten und „Willkommen!“ rufen, wo der Staat mit versteinerter Miene dasteht und sagt: „Aber bleiben könnt ihr hier höchstens vorübergehend.“

Wo fange ich an? Bei meiner eigenen Furcht vor radikalen Islamisten? Bei meinen eigenen Vorurteilen, die ich mühsam im Laufe der letzten zwanzig Jahre abgebaut habe - nur, um sie nun alle wieder neu zu bemerken? Bei mir selbst, bei meinen Kollegen, meinen Nachbarn, meinen Freunden. Bei Leuten, von denen ich nie erwartet hätte, dass sie mal so was sagen würden wie: „Die schleppen uns Krankheiten ein und gefährden die Sicherheit in unserem Land.“ Ich hätte auch von mir nie gedacht, dass ich dazu im Stillen nicken würde. Und gleichzeitig lese ich Hassparolen in sozialen Netzwerken, die mich zutiefst schockieren. Weil sie von Leuten aus der bürgerlichen Mitte stammen und nicht von kahlrasierten Vollidioten, die kaum ihren Namen buchstabieren können. Weil sich auch in scheinbar harmlosen Bemerkungen eine Geisteshaltung offenbart, die mich frieren lässt.

Sollte ich also besser bei den anderen anfangen? Bei denen, die unsere Gesellschaft spalten, weil sie sich immer lauter, immer deutlicher für Werte einsetzen, die nie meine waren und nie meine sein werden? Die alles vergessen haben, was in unserer deutschen Vergangenheit in den letzten 80 Jahren passiert ist. Wirklich alles. Und die bereit sind, dieselben Fehler erneut zu begehen. Bloß, weil sie sich vor Veränderungen fürchten. Und weil sie das, was in ihrem eigenen kleinen Leben schiefging, nicht selbst verantworten möchten, sondern lieber anderen dafür die Schuld geben. („Die nehmen uns die Arbeitsplätze und die Wohnungen weg.“)

Oder fange ich bei jenen an, die hier ankommen, ausgehungert, traumatisiert, mit nichts bei sich als ein paar Kleidungsstücken zum Wechseln - wenn überhaupt. Die mitanschauen mussten, wie ihre Frauen erschossen und ihre zweijährigen Kinder über Bord eines Flüchtlingsboots geworfen wurden, weil sie zu laut geweint haben. Von denen sich manche zuhause radikalisiert hatten - weil sie nicht begriffen haben, worum es wirklich geht. Und weil religiöse Eiferer schon immer die besten Rattenfänger waren. Von denen viele aber ganz normale Menschen sind, die nichts anderes wollen als ihren Frieden - sofern sie den in diesem Leben überhaupt jemals wiederfinden werden. Und ja, sie bringen Krankheiten mit. Das täten wir auch, wenn wir wochenlang unterwegs wären, ohne abends in ein weiches, sauberes Bett fallen zu können. Und ja, sie sind manchmal aggressiv. Das wäre ich auch, wenn ich erlebt hätte, wie man meine Familie ermordet hat, wie ich auf der Flucht beschimpft und verfolgt werde, wie ich seit Monaten durch Europa irre, auf der Suche nach einem Ort, an dem ich willkommen bin.

Ich könnte auch bei meiner Familie beginnen. Bei meiner Patentante, die 1945 aus Pommern floh und dabei so Grausiges erlebte, dass sie vorübergehend ihr Augenlicht verlor. Oder bei meinem Vater, der 1961, kurz vor dem Mauerbau, aus der DDR floh. Oder ich könnte bei meinem Schwager beginnen, der nirgendwohin floh, sondern kam, um hier zu studieren - und dann nur darum blieb, weil er meine Schwester kennenlernte und heiratete. Er ertrug nicht nur das viel zu kalte Wetter und gelegentliche rassistische Anfeindungen, sondern auch die Vorurteile und die Ablehnung meiner Familie, die ihm anfangs heftig entgegenschlugen. Schließlich ist er einer dieser bösen Araber, ein Mann aus Syrien. Und damals, als er in unsere Familie kam, war das Buch „Nicht ohne meine Tochter“ gerade sehr populär. Die Angst von uns Christenmenschen vor dem bösen Muselmann war gewaltig. Der Schwager und ich lieferten uns oft heftige Diskussionen über Menschenrechte und Demokratie. Bis wir beide anfingen, einander zuzuhören. Bis die Unterschiede immer unwichtiger wurden und die Gemeinsamkeiten immer bedeutsamer. Mein Schwager hat in Deutschland promoviert und habilitiert. Er beherrscht die deutsche Grammatik besser als die meisten Deutschen. Und er zählt zu den ganz wenigen Menschen, von denen ich weiß, dass ihre Tür immer für mich offensteht, wenn ich mal in Not bin. Das ist sein (arabisches) Verständnis von Familie.

Zurzeit haben er und meine Schwester ständig nachts Albträume vom Krieg. Viele Verwandte leben immer noch dort. Der Kontakt zu fast allen Freunden ist abgebrochen. Ich kenne einige von ihnen, habe in besseren Zeiten mit ihnen zusammen gefeiert und gelacht. Wir wissen nicht, ob sie tot sind oder geflohen oder sich radikalisiert haben. Und wenn ich die Bilder von ertrunkenen Kindern sehe, dann denke ich an meine zweijährige Nichte, an dieses süße, unschuldige Wesen und daran, was für ein unfassbares Glück dieses Kind hatte, dass es in einem sicheren Land zur Welt kam und nicht dort, wo seine Cousins und Cousinen leben. In solchen Augenblicken schnürt sich mir die Kehle zu und auch ich reiße die Arme weit auf und heiße all diese Fremden willkommen. Und ich danke auf Knien einem Gott, den es wohl doch nicht gibt, dafür, dass auch ich bisher nur aus dem Fernsehen weiß, was Krieg ist.

Wo soll ich also anfangen? Bei meinem wunden Herzen angesichts all dieser Not? Bei meinen Ängsten und Vorurteilen? Oder bei all jenen, die meinen, Hass sei die beste Lösung, um diese Ängste zu bewältigen? Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Menschen, die in höchster Not an meine Tür klopfen, die kann ich nicht abweisen, die darf ich nicht abweisen. Niemals. Aber ich darf besorgt sein und mich fragen, welche Wege es gibt, um diesen Menschen nachhaltig zu helfen. Nur muss ich das mit dem nötigen Respekt tun. Und ohne zu dramatisieren oder zu beschönigen. Beides bringt nämlich gar nichts.

Ich werde diesen Text jetzt veröffentlichen. Obwohl ich vermutlich morgen am liebsten einen neuen schreiben würde. So unsicher und ratlos bin ich, so schockiert und verstört angesichts all dessen, was hier passiert. Und damit meine ich sowohl diesen unfassbaren Strom an Flüchtlingen, der sich quer durch Europa wälzt, als auch den barbarischen Hass, der ihm teilweise entgegenschlägt und mich noch mehr frieren lässt. Und das nicht nur, weil die Hälfte meiner Verwandtschaft einen arabischen Nachnamen trägt.

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Freitag, 29. Mai 2015

Ein Menschenleben

Ich habe mal mit einem Mann zusammengearbeitet, der sehr unglücklich war. Warum, weiß ich nicht, mir ist kaum etwas über seine Lebensgeschichte bekannt. Zu mir war er immer freundlich, ich schätzte seine Verlässlichkeit und dass er weder geschwätzig noch intrigant war. Wir haben rund zehn Jahre im selben Unternehmen gearbeitet, wobei wir größtenteils recht wenig Kontakt hatten. Aber immerhin - zehn Jahre, in denen ich immer wieder dieses unauffällige, aber sympathische Gesicht mit dem netten Lächeln sah, mich über große Hilfsbereitschaft freute und über den überraschend trockenen Humor dieses Kollegen amüsierte.

Er war ein Feingeist, ein studierter Kunstgeschichtler, der irgendwie die Kurve nicht kriegte oder mal falsch abbog, ich weiß es nicht so genau. Jedenfalls war er nun auf einem Hilfsposten gelandet, für den weder Geist noch ein Studium erforderlich waren. Eine einsame, stupide Arbeit in einem Umfeld, das auch nicht unbedingt sonderlich aufbauend und stimulierend war.

Woran ich mich besonders erinnere, war die ewig resignierte Körperhaltung dieses Mannes. Seine hängenden Schultern, der lustlose Gang, die leise Melancholie in der Stimme. Er war einer, der aufgegeben hatte. „Warum suchst du dir nicht was anderes?“, fragte ich mal in meiner jugendlichen Naivität. Er ließ seine Schultern noch mehr hängen als ohnehin schon: „Ich habe Familie. Da geht man kein Risiko ein.“ Was genau so riskant daran war, sich mal ein wenig genauer in der Welt umzusehen, begriff ich damals noch nicht.

Ich begriff auch nicht, warum der Mann bei einer Frau blieb, die er nicht liebte. Aber das begriff auch sonst niemand. „Diese Frau ist absolut schrecklich“, hörte ich alle sagen, die sie mal persönlich erlebt hatten. Ich wusste nicht genau, was mit „schrecklich“ gemeint war, stellte mir aber eine ewig nörgelnde, humorlose Xanthippe vor. Die Art Frau, vor der man sich fürchten muss. Besonders als Mann. Mein Kollege fürchtete sich offenbar so sehr vor ihr, dass er weder den Mut aufbrachte, zu gehen, noch mit dieser Frau zu leben.

Nachdem ich meinen Job wechselte, sah und hörte ich viele Jahre nichts mehr von ihm. Bis ich kürzlich erfuhr, dass er gestorben sei. Jämmerlich zugrunde gegangen an ALS. Und weil er so ein schreckliches Zuhause hatte, zog er es vor, auch dann noch zur Arbeit zu kommen, als er sich kaum mehr bewegen konnte. Lieber schleppte er sich vor den mitleidigen Blicken der Kollegen durch die Firma, als zuhause zu sein. Und als es gar nicht mehr ging, zog er in einer letzten, großen Verzweiflungstat zum Sterben zu seiner Mutter. Hauptsache, er musste nicht mehr bei seiner Frau sein.

Was war das für ein Leben, frage ich mich. Wie hält man es aus, so unglücklich zu sein? Jahrzehntelang. Und warum wird jemand, der ein derart kleines, elendes Leben führt, auch noch mit so einem grauenvollen Tod gequält? Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Ich begreife das nicht. Und erkenne gleichzeitig, dass wir immer ein Stück selbst verantwortlich sind für unser eigenes Glück. Wir können nicht warten, bis uns von außen Veränderungen aufgezwungen werden. Dann ist es nämlich manchmal schon zu spät.

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Samstag, 14. März 2015

Familiengeschichten

Ich bin in Leipzig zur Buchmesse, meine Gegenwart und hoffentlich auch meine Zukunft beäugen. Ich treffe Menschen, die ich bislang nur virtuell kannte, herzliche Menschen, liebenswerte Menschen. Es sind so viele, dass ich es kaum glauben kann. Wir lachen und freuen uns und sitzen zusammen und erzählen und fachsimpeln und lachen noch mehr. Ich knüpfe neue Kontakte und lasse Ideen laut werden zu diesem und jenem, in der Hoffnung, dass sie dadurch auch Realität werden. Aufbruchstimmung allüberall und ein Gefühl von »Wir haben es geschafft, irgendwie.«

Und ich bin hingerissen von der Stadt, von den traumhaften Passagen, den vielen alten Gebäuden und Häusern, die mit viel, viel Liebe saniert wurden, den historischen Orten, die endlich wieder in altem Glanz strahlen. Allein schon der Bahnhof ist ein Gedicht, ja geradezu ein Gesamtkunstwerk. Wer ihn noch zu DDR-Zeiten kannte, wird wissen, was ich meine. Ich weiß jetzt schon, dass ich wiederkommen muss in diese Stadt, unbedingt.

Aber ich bewege mich nicht nur in der Gegenwart und Zukunft, sondern auch in der Vergangenheit. Diese Stadt birgt einen Schatz voller Erinnerungen, die weit, weit zurückliegen. Sie führen mich in den alten Garten meiner Großeltern, in dem wir tonnenweise Stachelbeeren ernten, in die Küche meiner Großmutter, in der sie auf ihrem alten Herd, der noch mit Kohle geheizt wird, Wasser heiß macht, mit dem meine Mutter uns Kindern in einer Plastikschüssel die rußigen Füße wäscht. Der Ruß ist überall, auf unserer Haut, in den Haaren, der Kleidung. Die ganze Stadt scheint unter dem Staub der Kohleöfen und des nahen Braunkohletagebaus zu versinken. Jedenfalls kommt es uns so vor, die wir im Westen leben, mit Zentralheizung und Elektroherd. Leipzig, das sind für mich schwülheiße Sommer und frostig-kalte Wintertage, an denen ich mir am Kachelofen meiner Lieblingsgroßtante den Rücken wärme und sie das dicke Federbett für mich anwärmt, damit ich in dem eisigen Schlafzimmer nicht zu sehr frieren muss, wenn ich ins Bett krieche. Das sind für mich Häuserruinen und Gaslaternen, Straßen, die so dunkel sind, dass selbst mein ortskundiger Vater gelegentlich die Orientierung verliert. Leipzig, das ist für mich Familiengeschichte.

Im Wendeherbst starb mein Großvater, der Letzte aus der alten Generation, und seitdem war ich nicht wieder dort (von einem Kurzaufenthalt auf dem Bahnhof abgesehen). Zum Bruder meines Vaters und zu seinen Kindern hatte ich nahezu keinen Kontakt mehr. Uns trennen Welten, wenn nicht gar Universen. Das war schon so, als sie alle noch lebten, meine Großeltern und mein Vater. Eigenartiges Unwohlsein lag über den Clantreffen, eine geheimnisvolle Verschwiegenheit. Jeder schien jedem zu misstrauen. Meine Eltern glaubten, die Leipziger seien alle bei der Stasi (was ich rückblickend sehr stark bezweifle), die Leipziger glaubten was auch immer. Aber ich vermute, der Familienzwist liegt erheblich weiter zurück als die Spaltung des Landes.

Heute nun traf ich meinen Onkel und meine beiden Cousinen nach vielen Jahren wieder. Tragischerweise verpasste ich meine Tante knapp - sie starb vor wenigen Wochen. Es war ein Nachmittag, der mich sehr berührte. Mein Onkel erinnerte mich mit jeder kleinen Geste, mit jedem Lachen auf so schmerzhafte Weise an meinen verstorbenen Vater, dass ich einige Male heftig schlucken musste. Und: Diese Menschen, die in diesem anderen Universum leben, waren in ihrer Schlichtheit auf so anrührende Weise liebenswert, dass auch das für mich ein Anlass war, heftig zu schlucken.

Zudem wurde eins der zahlreichen Familiengeheimnisse gelüftet, das in all den Jahren Anlass für die wildesten Vermutungen und Spekulationen bot. Zum ersten Mal durfte ich die beiden Söhne meiner Cousine in Augenschein nehmen. Die jungen Männer, die dreißig Jahre lang mehr oder weniger totgeschwiegen wurden, sind beide geistig behindert. Meine Tante schämte sich offenbar so sehr für ihre Enkelsöhne, dass wir Westdeutschen diese Kinder nie zu Gesicht bekommen durften, sie nicht mal erwähnt wurden, wenn wir nicht ausdrücklich nach ihnen fragten. Das hat mich so tief erschüttert, dass ich aus dem Schlucken gar nicht mehr herauskam.

Als ich gehe, begleitet mich mein Onkel zur Tram und winkt mir auf so anrührende Weise hinterher, dass ich ... nun ja. Ich sehe einen einsamen, alten Mann, der nach siebzig gemeinsamen Jahren seine Lebensgefährtin verloren hat. Ich sehe einen Mann, der mir voller Glück ein Album zeigte, in dem er zu jedem vergangenen Urlaub (und das waren sehr viele) Bilder aus Prospekten ausgeschnitten hat - sein »Fotoalbum der Erinnerungen«. Der sagte, sie hätten viele glückliche Momente gehabt, er und seine Frau. Ich sehe einen Mann, der sich danach sehnt, eine heile Familie zu haben, eine, in der es keine Geheimnisse gibt und in der jeder sein darf. Und ich sehe meinen Vater, der mir hinterher winkt und sagt: »Hoffentlich kommst du bald wieder.«

Nun sitze ich hier in meiner Ferienwohnung und weine und weine - über all die Erinnerungen, über verlorene Momente, ungesagte Worte und Taten, und über das Leben, das so tragisch ist, so dramatisch und grausam. Und gleichzeitig so entsetzlich schön.

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Mittwoch, 11. März 2015

Emanze

Kürzlich habe ich mit meinen Nichten ein paar dieser Psychotests gemacht, die durchs Netz geistern und viel Spaß machen – hauptsächlich wegen der meist sensationellen Ergebnisse. In einem Test wurde ich gefragt, wie durchsetzungsfähig ich bin. Beide Nichten einstimmig: „Sehr durchsetzungsfähig!“

Nun frage ich mich, woraus sie das schließen. Wenn ich bei ihnen auf dem Sofa sitze und „Deutschland sucht den Superstar“ gucke, weil sie das unbedingt gucken wollen? Oder wenn ich auf das letzte Stück Kuchen verzichte, damit sie mehr abkriegen? Wenn ich am Sonntagmorgen den Frühstückstisch decke, weil alle anderen mal wieder keine Lust dazu haben? Das sind nämlich die klassischen Situationen, in denen mich die Mädels erleben.

Gestern erzählte mir ein Freund, dass er und seine Frau sich kürzlich über Emanzipation unterhalten hätten. Und da hätten sie beide festgestellt, dass ich das perfekte Beispiel für eine emanzipierte Frau sei. Ich konnte nur den Kopf schütteln. Was ist an mir emanzipiert? Ich bin mein Leben lang von den Männern meiner Familie untergebuttert worden und lasse mich bis heute von Männern sehr schnell einschüchtern und verunsichern. Nun ja, ich lebe alleine und beiße mich alleine durch. Aber das mache ich nicht, weil ich diesen Lebensstil so großartig finde, sondern weil ich zu blöd war, mich enger an einen Mann zu binden. Oder war ich nur zu emanzipiert?

Durchsetzungsfähig und emanzipiert. So, so. Schon spannend, wie andere Leute einen wahrnehmen und wie man selbst sich sieht.

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Dienstag, 3. Juni 2014

Schwindeleien

Frau Rosmarin hat gemeckert: Ich solle mich mal locker machen und endlich wieder mehr bloggen. Ach, sie hat so recht, die Gute. Es ist hier wahrlich etwas langweilig geworden. Vielleicht liegt das daran, dass mein ganzes Leben im Moment langweilig ist. Es plätschert so vor sich hin, ohne nennenswerte Höhen und Tiefen und abenteuerliche Pirouetten.

Stattdessen dreht sich alles im Kreis. Mein linkes Gleichgewichtsorgan streikte viele Wochen lang und ich hatte von morgens bis abends das Gefühl, ein bis zwei Bier zu viel intus zu haben. Koordination und Kommunikation wurden zu einer echten Herausforderung, an Arbeit war kaum zu denken (zumal ich endlose Stunden in Wartezimmern von Ärzten und Therapeuten verbrachte), und abends fiel ich völlig erschöpft ins Bett und schlief wie ein Stein. Das war immerhin der schöne Nebeneffekt an der Sache: Schon lange habe ich nicht mehr so gut geschlafen wie in dieser Zeit. Ansonsten kann ich nur sagen: Komplett überflüssig, muss niemand erlebt haben (ganz besonders nicht den Schwindeltest beim HNO-Arzt – ich habe zum ersten Mal in meinem Leben in einem Behandlungszimmer vor Entsetzen aufgeschrien). Mittlerweile ist alles wieder im Lot, auch ohne die Kortisontabletten, die mir eine übereifrige Ärztin ohne klare Diagnose verschrieb, und die ich augenblicklich in die hinterste Schublade pfefferte. Da gehen sie hin, meine Krankenkassenbeiträge. Überhaupt: Drei Ärzte machten sich nicht die Mühe, herauszufinden, woher der Schwindel kommen könnte, bzw. sie hatten keine Ideen. Erst eine Physiotherapeutin hatte den richtigen Riecher (und bestätigte damit meinen eigenen Verdacht) und ergriff die richtigen Maßnahmen.

Zweiter Schwindel, in jeder Hinsicht: Meine neue Gleitsichtbrille. Ich habe mir im Vorfeld eine Million Horrorgeschichten und eine Handvoll Erfolgsberichte über Gleitsichtbrillen angehört. Da mir jedoch drei Optiker in drei verschiedenen Läden nachdrücklich dazu rieten, ließ ich mich schließlich darauf ein und gab ein Vermögen aus. Leider sehe ich mit der neuen Brille bis jetzt jedoch nicht besser, sondern schlechter als vorher. Ich kann nun also die eine Million und einste Horrorgeschichte erzählen. Als ich dem Optiker mein Leid klagte, wirkte er hilflos und abwehrend und in etwa so ideenlos wie die Ärzte. So was mag ich schon mal gar nicht. Wenn man mir sagt, dass ich lernen muss, meinen Kopf in einer für mich völlig unnatürlichen Haltung zu neigen, weil ich nur dann richtig durch die Brille sehen könne, dann denke ich, dass da was faul ist. Ich meine, die Menschheit ist in der Lage, auf den Mond zu fliegen, da wird sie doch wohl auch so ein Brillenproblem anders lösen können. Wie auch immer - ich teste diese merkwürdige Brille nun tapfer noch ein Weilchen, sehe sie mich allerdings vor meinem inneren Auge bereits zurückgeben und für das Geld einen schönen Urlaub machen oder so. Dann muss ich halt wieder in den unpassendsten Momenten in der Tasche wühlen und die Lesebrille rauskramen (und hoffen, dass ich sie nicht zuhause vergessen habe). Was hilft's?

Und schließlich kreise ich auch beruflich immer wieder um dieselben Themen. Ich habe das Gefühl, mich selbst in eine Sackgasse manövriert zu haben, stecke fest, drehe mich im Kreis und komme ständig da wieder raus, wo ich eingestiegen bin. Das nervt und zermürbt und raubt Kraft und Mut und Lebensenergie. Wie ich aus diesem Karussell aussteigen kann, weiß ich noch nicht genau, offenbar habe ich noch nicht genug von Schwindeleien in Kopf, Bauch und Herz. Andererseits - wenn man sich ständig besoffen fühlt und einem zudem der Durchblick fehlt, ist es auch nicht verwunderlich, wenn man nur mühsam vom Fleck kommt. Also eins nach dem anderen: Fester Stand auf dem Boden, optimale Sehschärfe und dann, ja dann …

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Donnerstag, 3. April 2014

Glückstage

Gestern saß ich mit einer Freundin noch am späten Abend auf dem Balkon. Wir genossen frühlingshaft-leckere Spargelsuppe und Salat mit Frühkartoffeln und konnten kaum glauben, dass wir tatsächlich auf dem Balkon saßen. Ohne Winterstiefel und zehn Wolldecken. Am 2. April. In Hamburg. „Dieser Tag war einfach perfekt“, sagte meine Freundin zufrieden. „Und nun findet er einen perfekten Abschluss.“ Ich stimmte ihr zu. Wir hatten beide, unabhängig voneinander, einen ganz normalen Arbeitstag in höchster Zufriedenheit verbracht. Nun ließen wir diesen perfekten Tag gemütlich ausklingen. Glücksgefühle pur.

Ebenfalls sehr beglückt hat mich ein Bloggertreffen, das die famose Frau Rosmarin organisiert hat und bei dem ich einige meiner langjährigen Leser endlich mal persönlich kennenlernen konnte. Das ist ja immer so eine Sache. Wenn man so privates Zeug wie ich schreibt, bleibt man gern im Verborgenen. Sollen die Leute von einem denken, was sie wollen – solange wir uns nicht persönlich kennen, ist alles gut. Nun war es aber in diesem Fall so, dass ich die meisten der anwesenden Blogger und ihre Blogs gar nicht kannte und annahm, das würde auf Gegenseitigkeit beruhen (was sich als Irrtum erwies). Und bei den wenigen, die ich doch kannte, war ich eher neugierig und freute mich auf die Gesichter hinter den Geschichten. Und ich wurde nicht enttäuscht, sondern lernte sehr nette Menschen kennen und entdeckte neue, spannende Geschichten.

Über besagtes Bloggertreffen stand sogar ein Artikel in der Zeitung. Und ich wurde darin recht ausführlich zitiert. Vor einigen Jahren noch wäre ich geplatzt vor Stolz. Jetzt zucke ich nur mit den Schultern und denke: „Lustig. Haben die nichts anderes, über das sie schreiben können?“

Über dieses Siegel, das mir von den Bielefelder Flaneuren verliehen wurde, freue ich mich trotzdem riesig.

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Donnerstag, 27. März 2014

Erwachen

Ich genieße den Frühling. Urlaub am Meer. Mittagessen auf dem Balkon. Bunte Blumensträuße im Wohnzimmer. Üppige Balkonbepflanzung. Farben, Licht, Wärme! Hach! Nun gut, das mit der Wärme haut noch nicht so ganz hin, aber ich will mich nicht beklagen. Vor einem Jahr waren wir um diese Zeit tief verschneit, und jetzt entfalten sich an der Kastanie hinter meinem Fenster bereits die ersten Knospen. Früher als sonst, schneller als gewohnt, wie mir scheint.

Und auch ich bin irgendwie erwacht. Mein guter Vorsatz für dieses Jahr lautete: „Ich brauche Bewegung.“ Und die gönne ich mir seitdem tatsächlich ausgiebig. Ich mache so viel Sport wie seit Jahren nicht mehr. Jetzt habe ich zwar ständig Muskelkater, aber ich bilde mir ein, dass alles schon ein bisschen straffer und kräftiger geworden ist, nachdem ich meinen Körper jahrelang sträflich vernachlässigt hatte.

Außerdem denke ich über neue Lebens- und Arbeitsformen nach. Heißt es nicht, dass wir Menschen einem Rhythmus von sieben Jahren unterliegen? Angeblich erneuern sich alle Zellen im Körper alle sieben Jahre, die Haarstruktur ändert sich alle sieben Jahre und wir haben wohl nicht umsonst eine 7-Tage-Woche erfunden. Wie auch immer, ich stelle fest, dass ich alle sechs bis sieben Jahre das dringende Bedürfnis nach Veränderung verspüre. Leider dauert es dann manchmal noch eine Weile, bis ich entschieden habe, was ich wie verändern will. Aber fest steht: Ewiger Stillstand ist nicht meins. Höchste Zeit also, nach Neuem Ausschau zu halten. In vielerlei Hinsicht.

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Capri-Sonne gibt es doch immer noch. Wir in diesem...
Sunnyboy (Gast) - 16. Jun, 20:52
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Jede neue Lebensphase war immer wieder überraschend....
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ja, ich denke auch, dass das leben solche lebensetappen...
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Oh, das ist tragisch. Ich mochte Capri-Sonne übrigens...
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