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Wohnzimmer

Dienstag, 17. November 2009

Überbleibsel

Fotos gucken in familiärer Runde:
„Das da ist meine Schwägerin. Die lebt immer noch bei ihrer Mutter und versorgt sie.“ Schneller Blick in meine Richtung: „Die ist auch so eine Übriggebliebene - wie du.“
Übriggebliebene? Ich schaue entgeistert.
„Ich wohne aber nicht zuhause und pflege niemanden.“
„Nein.“ Der Blick bleibt ungerührt. „Aber das hätte dir auch gut passieren können.“

„Wann schaffst du dir endlich einen Hund an?“ drängelt das hundenärrische Kind. „Ich weiß nicht“, sage ich unbestimmt. „Beruflich ist alles bei mir so ungewiss. Wer weiß, ob ich dauerhaft zuhause arbeite. Vielleicht fange ich ja doch wieder irgendwo fest an. Dann ist der Hund den ganzen Tag alleine.“ „Ach was“, sagt das Kind energisch, „du bist doch schon so alt. Du kriegst sowieso keinen Job mehr.“

Das Überbleibsel, das keiner mehr will und braucht. Das höchstens noch nützlich ist, wenn alle anderen keine Zeit und Lust haben. Ist es so? Bin ich zu alt? Für alles? Gescheitert auf ganzer Linie? In früheren Zeiten würde ich immer noch „Fräulein“ heißen. Fräulein Feinstrick, die Übriggebliebene, die keinen Mann abbekommen hat und es beruflich auch nicht weit brachte. Die man anstandshalber mit in den Urlaub nimmt, damit sie nicht immer so alleine sein muss. Mit der man sich gerne bei Familienfeiern umgibt, weil sie immer so schöne Anekdoten aus ihrem bewegten Leben erzählen kann. Die aber ansonsten niemand richtig ernst nimmt. Schließlich ist sie durch sämtliche gesellschaftliche Raster hindurchgefallen. Kein Kerl. Keine Kinder. Keine Karriere. Hinter vorgehaltener Hand tuschelt man, sie sei auch finanziell bankrott, aber das wisse man nicht so genau. Man hoffe nur, sie nicht irgendwann mit durchfüttern zu müssen. Aber man werde natürlich gegebenenfalls seine Pflicht tun, das gehöre sich schließlich so.

Jetzt frage ich mich, ob ich mir eine andere Verwandtschaft suchen oder nachsichtig sein soll, weil ich es genauso machen würde, wenn ich an deren Stelle wäre. Einfach, weil ich nicht wüsste, wie sich dieses ganz andere Leben anfühlt, und mir nicht klar wäre, dass solche unbedachten Äußerungen wie feine Nadelstiche sind. Denn das, was den anderen lustig erscheint, empfindet Fräulein Feinstrick gelegentlich als tragisch. Das hingegen, was die anderen schlimm finden, genießt der Großstadt-Single Feinstrick in vollen Zügen. Ich weiß, es ist kompliziert.

Ich werde daher wohl einfach über das Geplapper hinwegsehen, ebenso über die Nadelstiche in meinem zarten Herzelein. Stattdessen werde ich jetzt ganz fest daran glauben, dass vielleicht nicht alles, aber doch einiges ganz wunderbar wird – irgendwann in naher Ferne. Ein Anfang ist bereits gemacht. Das spüre ich.

Freitag, 30. Oktober 2009

Magie

Manchmal hat man große Erwartungen an ein Ereignis, und dann ist alles wahnsinnig enttäuschend. Man geht zum Beispiel auf eine große Party, auf die man sich schon lange gefreut hat. Es sind ein paar hundert Leute da, eine Band spielt, das Buffet ist gigantisch, man tanzt, bis die Füße weh tun. Aber hinterher fühlt man sich nur leer und erschöpft. Oder man wird zu einer kleinen Feier bei Freunden eingeladen. Die anderen Gäste kennt man nicht, es werden höfliche Gespräche geführt, man taxiert sich gegenseitig – „Was machst du so?“ –, das Lachen wirkt gekünstelt, und nach einer Stunde gehen einem bereits die Gesprächsthemen aus. Verstohlen schielt man auf die Uhr und fragt sich, wann man gehen kann, ohne dass es allzu unhöflich wirkt. Zuhause angekommen, ist man einfach nur erleichtert, dass man endlich ins Bett gehen kann.

Manchmal ist aber auch alles ganz anders. Man erwartet überhaupt nichts – und dann erhält man ganz, ganz viel, wie ein unverhofftes Geschenk.

Ich will mich am liebsten vor dieser Party drücken, eine Ausrede erfinden, warum ich nicht hingehen kann. Ich fühle mich so überhaupt nicht in Feierlaune. Das Wetter ist mies, mein Leben alles andere als grandios, und das Letzte, worauf ich jetzt Lust habe, sind Smalltalk halten und ein fröhliches Gesicht aufsetzen, während ich mich innerlich weit weg sehne. Dumm nur, dass ich selbst die Gastgeberin bin. So leicht wird mir keine Ausrede einfallen, um ein Dutzend Gäste wieder auszuladen. Aber dann scheinen die das Ausladen selbst in die Hand zu nehmen. Skeptisch beäuge ich die Gästeliste, die immer kleiner wird – eine Absage nach der nächsten -, aber statt froh zu sein, bin ich nun erst recht deprimiert. Nichts glückt mir zurzeit, selbst eine Party kriege ich nicht zustande. Zweifelnd frage ich mich, ob es wirklich so schlau war, mitten in der Woche zu feiern. Aber man muss die Feste eben feiern, wie sie fallen, und nicht so, wie es in den Kalender passt. Und darum steht also ein Gast nach dem nächsten vor meiner Tür, und ich ergebe mich notgedrungen in mein Schicksal.

Doch dann passiert etwas. Da ist Magie in der Luft, da bewegen sich Schwingungen durch den Raum, die uns alle erfassen, jene Freunde, die einander schon lange kennen, ebenso wie die Neuen in der Runde, die zunächst ein wenig scheu um sich blicken. Erschöpfung und schlechte Laune fallen von mir ab, ich vergesse all meine Sorgen und die Leere, die in letzter Zeit gelegentlich nach mir greift. Wir werfen einander die Themenbälle zu, jeder fängt mal einen, spielt mit ihm, gibt ihn dann weiter. Ein Thema jagt das nächste, selten wird ein Gedanke zuende gedacht, eine Unterhaltung bis zum Schluss fortgesetzt. Es kommt nicht darauf an, die Probleme dieser Welt auf dieser Party zu lösen und auch nicht darauf, sich vor den anderen mit den eigenen Erfolgen zu brüsten. Wichtig ist, dass sich alle im Raum verstehen, dass alle in die Runde aufgenommen werden, wir gemeinsam lachen, ausgelassen, albern, kindisch. Der Abend wird länger, die Gäste sitzen und sitzen. Niemand beherrscht die Gruppe, niemand wirkt gelangweilt oder müde. Raum und Zeit verlieren ihre Gültigkeit.

Bis der Erste erschrocken aufspringt, weil er beinah seinen letzten Zug verpasst. Einige andere folgen nach und nach. Schließlich ist morgen Freitag, wir müssen alle arbeiten. „Tut mir leid, dass ich nicht länger bleiben kann, aber ich muss total früh raus“, sagt eine Freundin entschuldigend. Dabei ist es schon fast Mitternacht. Die letzten Gäste bleiben dennoch. Wir trinken Wein, holen die Vergangenheit in die Gegenwart, offenbaren einander auf eine Weise, wie wir es sonst nie tun würden. Die Magie, die zu Beginn des Abends zaghaft erschien, entfaltet sich nun vollends. Wir entdecken einander ganz neu, spüren, wie die Welt stillsteht, und wir von Minute zu Minute jünger werden. So ist es nur logisch, dass ich am Ende meine alten Bruce Springsteen-CDs auflege, die ich seit Jahren nicht mehr gehört habe. Wir tanzen nach der Musik unserer Jugend, in ehrfürchtiger Erinnerung, voller ausgelassener Fröhlichkeit, aber nicht mehr mit der brennenden Sehnsucht von damals, sondern mit einer geradezu erwachsenen Gelassenheit. Wir tauschen auch keine heimlichen Küsse mehr wie früher, verschämt und mit der Aufgeregtheit jugendlicher Unschuld, sondern berühren einander vertraut, sicher, wissend – und vor allem komplett alkoholumnebelt. Dennoch war ich selten so sehr bei mir, wie in dieser Nacht.

Als ich morgens um fünf endlich in mein Bett falle, bin ich nicht erschöpft und erleichtert, nicht melancholisch und leer, sondern satt und sehr glücklich. Es kommt mir nicht so vor, als sei ich ein Jahr älter geworden, sondern zwanzig Jahre jünger – mit dem Wissen von heute. Das ist ein eigenartiges Gefühl, intensiv, bewegend, kraftvoll, gepaart mit der wundervollen Erfahrung, dass es Menschen gibt, in deren Nähe ich mich nicht verstellen muss, die alle meine Ängste und Sorgen kennen, und es vielleicht gerade darum schaffen, mich immer wieder zum Lachen zu bringen und die Dunkelheit aus meinem Leben zu vertreiben. Was für ein kostbares Geschenk!

Donnerstag, 30. Juli 2009

Probezeit

In letzter Zeit habe ich von diversen Ex-Männern geträumt. Bald habe ich sie alle durch. Die Träume sind eigenartig, fast so, als würde ich mein ganzes Leben Revue passieren lassen – in guten wie in schlechten Tagen. Nach den guten Tagen bzw. Träumen wache ich mit einem wonnigen Gefühl auf. Ich denke mit leiser Sehnsucht an den Mann, der mich nächtens heimgesucht hat, und staune, wie viel Zärtlichkeit ich noch für jemanden empfinde, an den ich in den letzten Jahren kaum gedacht habe. Aber plötzlich ist alles wieder ganz lebendig, ich höre seine Stimme, erinnere mich an Sätze, die er immer gesagt hat, an seinen Geruch, seine Wärme. Ich spüre Dankbarkeit darüber, dass wir wenigstens ein kleines Stückchen Weg gemeinsam gehen konnten, und bedauere, dass dieser Weg nicht länger war.

Die schlechten Träume sind anders. Kraftvoll. Zornig. Aufwühlend. Wenn ich aus ihnen aufwache, bebt mein Herz immer noch und ich fühle die Wut in allen Fasern meines Körpers. In diesen Träumen lasse ich meinem Zorn freien Lauf. Ich beschimpfe den Mann, der mich nicht nur im Traum so verletzt hat, in aller Öffentlichkeit. Ich kippe ihm ein Glas Wein ins Gesicht. Ich schlage ihn. Ich mache alles Erdenkliche, um ihn zu demütigen und bloßzustellen – so, wie er mich auch über Jahre hinweg gedemütigt hat. Wenn ich aufwache, denke ich, dass manche Wunden nie heilen, egal wie alt sie sind, wie weit weg diese Männer und diese Geschichten sind.

Wenn ich mich so an all diese verflossenen Geschichten erinnere, die guten wie die schlechten, dann kommt es mir so vor, als hätte ich bisher immer nur geprobt, eine Partnerschaft zu führen.
„Vielleicht bist du zu anspruchsvoll“, sagte neulich jemand in Bezug auf mein permanentes Scheitern.
„Nein“, habe ich geantwortet. „das bin ich nicht. Ich bin viel unkomplizierter und anspruchsloser als viele Frauen. Ich hatte nur einfach immer ein schlechtes Händchen bei der Wahl meiner Partner.“
Ich weiß, in Wahrheit ist es nicht ganz so einfach. Es gibt viele Gründe dafür, dass ich mir zielsicher immer die ungeeignetsten Kandidaten aussuche. Dabei waren manche gar nicht so schlecht, wir sind uns nur zum falschen Zeitpunkt begegnet. Und andere waren wohl wirklich nur zum Üben da. Ich habe im Miteinander und vor allem im Scheitern mit ihnen viel gelernt. Allerdings finde ich, dass ich allmählich genug geprobt habe. So langsam könnte mal der Ernstfall eintreten.

Montag, 20. April 2009

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Eine Kollegin, mit der ich eng kooperiert habe, hat sich von einem Tag auf den anderen von mir zurückgezogen. Ohne Angaben von Gründen hat sie den Kontakt abgebrochen. Auf die Frage nach dem Warum habe ich bis heute keine Antwort erhalten. Mich verstört derartiges Verhalten immer. Ich quäle mich mit Selbstvorwürfen und brüte darüber nach, was ich falsch gemacht haben könnte. Gleichzeitig bin ich nicht in der Lage, von mir aus die Kommunikation wieder aufzunehmen und noch mal genauer nach Gründen zu forschen.

Ich erhalte eine Mail von einem verflossenen Liebhaber, Jahre ist das her, ach was, Jahrzehnte. Er hofft, dass ich mich an ihn erinnere. Zugegeben, im ersten Moment verbinde ich mit seinem Namen gar nichts, dann kommt die Erinnerung – peinlich, beschämend fast. Was will der Kerl nach so vielen Jahren? Diesmal bin ich es, die im Schweigen versinkt. Ich weiß einfach nicht, was ich schreiben soll. Und ich verfluche meinen Hang, mich überall im Internet zu präsentieren, so dass man mich leicht finden kann. Manchmal ist es besser, wenn man von jemandem nie wieder etwas hört.

Ich bin in mancherlei Hinsicht in einer Atmosphäre großer Sprachlosigkeit aufgewachsen und merke, dass mich diese kindlichen Erfahrungen bis heute prägen. Manchmal weiß ich einfach nicht, wie ich reagieren soll. Es fällt mir schwer, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, und ich ziehe mich lieber enttäuscht und verletzt zurück, statt aktiv einen Konflikt zu lösen. Dann wieder bereue ich es, dass ich Menschen leichtfertig sehr Intimes anvertraut habe, dass ich zu rasch Vertrauen gefasst und mich verwundbar gemacht habe. Die richtige Balance zu finden, ist schwierig. Und wenn dann auch noch mein Gegenüber aus meiner Sicht merkwürdig reagiert, wünsche ich mich auf eine einsame Insel, auf der ich lediglich Selbstgespräche führen muss. Da weiß ich wenigstens, woran ich bin.

Mittwoch, 8. April 2009

Das liebe Alter

Mit dem Älterwerden ist das ja so eine Sache. Manchmal fällt mir über lange Zeit nicht auf, dass auch mein Alterungsprozess unablässig voran schreitet. Dann wieder merke ich es fast täglich. Ich schaue in den Spiegel und denke: „Wäh, was machen diese ganzen Falten da?“ Ich zupfe mir die ersten grauen Haare vom Kopf, wohl wissend, was für eine lächerliche, sinnlose Aktion das ist. Ich fühle, wie ich schwabbelndes Fett ansetze, sobald ich zunehme und viel schwerer straffe Muskeln bilde als früher. Wenn ich mal zwei Wochen keinen Sport getrieben habe, kann ich wieder bei Null anfangen – alle Kondition ist sofort hinüber. Früher war es nicht weiter wild, wenn ich mal drei Monate pausierte.

Besonders auffällig finde ich mein fortschreitendes Alter aber im Vergleich zu meinem Umfeld. Ich spüre meine Schwerfälligkeit und Unbeweglichkeit besonders deutlich, wenn ich junge Mädchen vor mir leichtfüßig die Straße entlang hüpfen sehe. Ich merke, wie erwachsen ich bin, wie reif an Jahren und Lebenserfahrung, wenn ich mit Kindern zusammen bin, die bei mir Schutz suchen und sich von mir das Leben erklären lassen wollen. Ich bin erst mal irritiert, weil meine neue Zahnärztin deutlich jünger ist als ich (kann die das überhaupt schon?). Mir wird klar, dass ich schon lange in einer anderen Liga spiele, wenn ich gleichgültig-amüsiert junge Männer beobachte, die ich vor wenigen Jahren noch total cool gefunden hätte. Sie können noch so hübsch aussehen, noch so straffe Körper haben, sie reizen mich einfach nicht mehr. Dafür finde ich den grauhaarigen Kerl mit dem Gesicht, das Geschichten erzählt, auf einmal viel aufregender. Dass allerdings auch nur er und nicht der junge Schnuckel sich für mich interessiert, wurmt mich dann doch.

Es gilt als unhöflich, zu sagen: „Mensch, du bist aber alt geworden!“ Allerdings ertappe ich mich immer häufiger dabei, dass ich das innerlich denke, wenn ich Freunden begegne, die ich länger nicht gesehen habe. Mittlerweile – und das ist wirklich ein deutliches Zeichen dafür, dass ich keine 30 mehr bin – reicht manchmal schon ein einziges Jahr, um zu schlucken, weil man den anderen kaum wiedererkennt. So ging es mir vor einigen Tagen mit einem Freund, der seit unserem letzten Treffen so deutlich zugenommen hatte, dass ich eine Weile brauchte, um mich an sein verändertes Gesicht zu gewöhnen.

Kürzlich war ich auf der Party einer ehemaligen Studienfreundin. Die Gastgeberin war damals die Flotteste von uns allen, modisch ganz vorne, auf jeder Party dabei. Heute wirkt sie älter als ihre Mutter, brav, bieder, unauffällig. Ihre Welt besteht aus Kind, Mann, Eigenheim und Tupperware. Die Gäste auf ihren Partys haben sich im Laufe der Jahre gewandelt. Während sich früher immer spannende Gespräche ergaben, scheint heute kaum noch jemand das Bedürfnis zu verspüren, neue Leute kennen zu lernen. Alle sprechen nur noch mit ihren guten Bekannten, und wer niemanden kennt, hat Pech gehabt. Die Gespräche drehen sich – wenn man nicht gerade mit seinen Kindern beschäftigt ist – um die nächste Einbauküche, das neue Auto, die letzten Angebote im Discounter. Bestürzt höre ich zu, mustere leere Gesichter und frage mich, wo sie hin sind, die frechen, dynamischen Frauen von damals, als wir noch jung waren.

Sonntag, 5. April 2009

Frühling

Ich bin ganz verwundert, wie viele Besucher dieses Blog in der vergangenen Woche hatte – so viele, wie schon lange nicht mehr. Und das, obwohl ich zurzeit nur selten blogge und twittere, und eigentlich schon dachte, das Interesse an Käthe Feinstricks Wohlergehen würde dadurch nachlassen. Weit gefehlt. Meine berufliche Zukunft scheint viele Leute zu beschäftigen. Oder ist es in Wahrheit ihre eigene Zukunft, mit der sie sich in den zahlreichen Kommentaren auseinander gesetzt haben? Wie auch immer, neben beruflichen Empfehlungen wurde mir nahe gelegt, nicht nur an Tagen zu bloggen, an denen ich Lebens- und Sinnkrisen habe, sondern wieder mehr Farbe in dieses Blog zu bringen. Ich gebe mir Mühe, dieser Bitte nachzukommen.

Doch ich stelle fest, dass das gar nicht so leicht ist. Mein Leben verläuft momentan sehr still, sehr unspektakulär. Das, was mich bewegt, kann oder will ich nicht veröffentlichen. Es sind vor allem die kleinen, alltäglichen Dinge, die mich zufrieden machen. Schwimmen unter freiem Himmel in der Mittagssonne etwa. Oder kreativ und lecker zu kochen. An der Elbe die Frühlingssonne genießen. Freunde treffen. Lachen.

In den letzten zwei Wochen habe ich beobachtet, wie die Knospen an der Kastanie hinterm Haus täglich ein Stückchen größer wurden. Die Wärme der letzten Tage sorgte dann dafür, dass der Baum regelrecht explodierte und innerhalb weniger Stunden die meisten Knospen schlagartig ihre Blätter entfalteten. Ich freue mich jeden Tag neu darüber, wie der immer gleiche Ausblick sich doch ständig verändert. Und ich genieße den Luxus, dass ich die Zeit habe, all das genau zu beobachten und zu genießen. Das und noch viel mehr nimmt mich so gefangen, dass ich wenig Lust verspüre, es aufzuschreiben. Das ist schön für mich, und schade für meine Leser. Ich weiß.

Montag, 23. März 2009

An diesen Tagen

An Tagen wie diesem fühle ich mich unendlich einsam, verloren und hilflos. Müde betrachte ich die Welt, die mir fremd und kalt erscheint. Ich möchte nur noch ins Bett zurück und mich in Träumen verlieren, statt zu kämpfen, wünsche mir andere Erinnerungen und eine andere Zukunft. Meine Tränen vermischen sich mit dem Regen vor dem Fenster, ich komme mir nackt wie die schwarzen Bäume draußen vor, alles scheint unsinnig und belanglos zu sein, am allermeisten meine eigenen Gedanken. Ich möchte raus aus diesem Gefängnis, aber ich finde den Ausweg einfach nicht. An Tagen wie diesem wünsche ich mir ein anderes Leben, ein anderes Ich.

Freitag, 20. März 2009

Voll

Voll. Einfach nur voll. Kein Platz mehr im Kopf für all das bunte Zeug hier, das Geschnatter und Getratsche, Geläster und Gefoppe, die vielen Selbstdarsteller und Wichtigtuer, die Klugschwätzer und Möchtegern-Helden. Gelegentlich schaufele ich ein Eckchen frei für die leisen Töne, das Nachdenken, Besinnen, Suchen und Forschen. Aber auch das wird weniger. Es schrumpft alles zu einem kleinen Häuflein aus Belanglosigkeiten zusammen, unwichtig, banal, überflüssig.

Ich gehe meiner Wege. Geradlinig, und doch mit vielen, vielen Schlangenlinien, Schleifen, Kreisen und Wendepunkten. Ich bin hellwach und gleichzeitig unendlich erschöpft, ausgelaugt, leer. Ich lebe im Jetzt und Hier, vermeide zu viele Gedanken an die Zukunft und lasse die Vergangenheit ruhen. Nur gelegentlich stößt mir mal etwas sauer auf, wenn die Wichtigtuer wieder am Werk waren. Aber eigentlich ist es Zeitverschwendung, sich über sie Gedanken zu machen. Zeitverschwendung und überflüssig, wie so vieles andere auch.

Donnerstag, 19. Februar 2009

Leben

Erst ewig am Rand stehen und sich nicht trauen. Dann allen Mut zusammennehmen und kopfüber hineinspringen, tief eintauchen, strampeln und zappeln, von Strudeln und Strömungen erfasst werden. Angst, namenlos und kalt. Auftauchen, Luft schnappen, Sonne und Wind im Gesicht spüren, und dann auf einmal loslassen. Dahin treiben, sich dem Spiel der Wellen anpassen, Auftriebe spüren, Kraft, Lebendigkeit, Entspannung. Und wieder eintauchen, tief und intensiv. Immer wieder neu. Immer wieder voller Angst. Und voller Neugier und Sehnsucht. Weil man einfach nicht genug kriegen kann. Vom Leben.

Dienstag, 3. Februar 2009

Glücklich verheiratet

Irgendwo in einem Twitterprofil steht: „Ich bin glücklich verheiratet.“ Abgesehen davon, dass ich diesen Satz in einem derartigen Profil merkwürdig finde – fast so, als wolle man von vornherein sämtliche Flirtversuche der Verfolger kategorisch unterbinden -, ist der Satz an sich schon seltsam. Ich meine, wenn man extra betonen muss, dass man glücklich mit etwas ist, dann heißt das doch, dass auch das genaue Gegenteil möglich ist. Das würde in dem Fall bedeuten: „Ich bin unglücklich verheiratet.“ Einer Singlefrau wie mir, die in Herzensfragen schon immer sehr eigene Wege ging, leuchtet diese Alternative aber nicht so ganz ein. Wenn ich nicht glücklich in einer Ehe bin, dann arbeite ich daran, das zu verändern. Und wenn das nicht gelingt, gehe ich. Es macht doch überhaupt keinen Sinn, unglücklich verheiratet zu sein. Sollte eine Ehe nicht immer ein Glück sein? Schließlich hat man sich sogar ganz öffentlich dazu bekannt, dass man einander lieben will – für immer. Natürlich gibt es auch in der besten Ehe jede Menge unglückliche Momente – wie überall sonst im Leben halt auch, das ist ja bekannt. Aber wer unterm Strich nicht voller Überzeugung sagen kann, dass er glücklich mit dem Menschen an seiner Seite ist, der sollte doch wohl dringend etwas unternehmen.
Interessant finde ich in diesem Zusammenhang übrigens, dass es für unverheiratete Paare so einen feststehenden Begriff gar nicht gibt. Sie sind anfangs sicher glücklich verliebt, aber dann? Glücklich befreundet? Glücklich zu Zweit? Ein glückliches Paar vielleicht noch, ja, doch. Mir scheint aber fast, dass dieser geläufige Satz: „Ich bin glücklich verheiratet“ aus einer Zeit stammt, in der Ehen in der Regel nicht aus Liebe, sondern aus wirtschaftlichen und sozialen Zwängen heraus geschlossen wurden. Da war eine glückliche Ehe wohl eher die Ausnahme von der Regel und bedurfte einer besonderen Erwähnung. Aber diese Zeiten sind doch nun wirklich lange, lange vorbei. Oder täusche ich mich da?

Gäste

Neugierig?

Klatsch und Tratsch

*zurückdrück*
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feinstrick - 22. Nov, 22:12
unsere erinnerung findet...
unsere erinnerung findet ja auch im jetzt statt und...
rosmarin (Gast) - 22. Nov, 21:57
Trauer
Früher dachte ich, die Trauer um geliebte Menschen...
feinstrick - 22. Nov, 21:13
In Zeiten des Jugendwahns...
In Zeiten des Jugendwahns kommen sich vermutlich wirklich...
feinstrick - 19. Nov, 20:46

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